Auf einer Straße in Stockholm gehen Menschen bei sonnigem, aber kaltem Wetter spazieren. | AFP

Reisende in Schweden Urlaub von den Corona-Maßnahmen

Stand: 15.02.2021 15:57 Uhr

Schwedens Regierung appelliert an die Vernunft der Menschen, Cafés und Läden sind geöffnet. Junge Menschen aus ganz Europa sehen das als Einladung: Sie kommen, um zu leben, als gäbe es keine Pandemie.

Von Christian Blenker, ARD-Studio Stockholm

Seine Freunde nimmt Kauri Maher zur Begrüßung gerne in den Arm. Hier in Schweden sei das ja auch kein Problem, meint der 25-Jährige. Maher ist vor zwei Monaten aus Irland gekommen, um hier das Leben zu genießen.

Christian Blenker ARD-Studio Stockholm

"Ich habe dieses YouTube Video gesehen. 'Schwedens No-Lock-Down-Ansatz' hieß es. Ich dachte, das ist interessant", erzählt er. "Dann habe ich ein paar Nachforschungen gemacht und mir gesagt: Was hält mich davon ab, nach Schweden zu gehen und dort zu arbeiten? Mittlerweile bin ich seit zwei Monaten hier."

In einem Hostel in der Stadt hat er schnell Gleichgesinnte gefunden. Die Herberge ist ausgebucht. Aus ganz Europa sind sie gekommen: Italien, Frankreich und Deutschland. Viele fliehen vor den Corona-Maßnahmen in ihrer Heimat.

Felipe Traco aus Italien ist seit drei Monaten in Schweden. "Als ich ankam, habe ich entdeckt, dass es hier viele andere gibt, die aus dem gleichen Grund gekommen sind wie ich, die ihr Leben leben wollen", erzählt er.

Sechs Betten, kein Fenster

Die Räume bieten keinen Luxus: Zu sechst schlafen sie hier in einem Zimmer ohne Fenster. Auch Linda Wagner hat sich für einige Zeit hier eingebucht. Nach dem Abitur wollte sie reisen. Dann kam Corona. Im Internet hat sie nach Ländern gesucht, die eine unkomplizierte Einreise ermöglichen. Die Wahl fiel auf Schweden.

"Als ich hierhin gekommen bin und Leute im Restaurant gesehen habe, die ganz normal ohne Maske miteinander reden und essen, dachte ich, ich träume", erzählt sie. "Auf der anderen Seite habe ich natürlich immer im Hinterkopf, wie es gerade in Deutschland bei meiner Familie und bei meinen Freunden ist."

Sorge vor der dritten Welle

Schweden versucht den Balanceakt: Regierung und Gesundheitsbehörde mahnen zur Vorsicht. Wer kann, soll zu Hause bleiben. Am Abend gilt ein Alkoholverbot. Ladenbesitzer müssen darauf achten, dass nicht zu viele Menschen in den Geschäften sind. Der Mundschutz wird in Bus und Bahn nur zur Rush Hour empfohlen.

Kontrolliert wird das nicht. Mehr als 12.400 Corona-Tote gibt es - bei gerade einmal zehn Millionen Einwohnern. In wenigen Tagen beginnen die Skiferien. Staatsepidemiologe Anders Tegnell warnt vor einer dritten Welle im Land.

Bei Kauri Maher und den anderen im Hostel kommen diese Sorgen nicht an. Im Gegenteil. "Es fühlt sich gut an, in ein Café gehen zu können, in ein Fitnessstudio, mit dem Bus oder der Bahn zu fahren, ohne von der Polizei oder Sicherheitspersonal behelligt zu werden", sagt Maher. "Es fühlt sich gut an, ein Leben zu führen, wie es junge Menschen führen sollten."

Auf die Freiheiten in Schweden möchte der Ire deshalb auch nicht mehr verzichten. Deshalb sucht er bereits einen Job, um langfristig in Schweden bleiben zu können.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 11. Februar 2021 um 22:15 Uhr.