Mittagsgäste im "Teatern" in einem Einkaufszentrum | picture alliance / TT NYHETSBYR

Coronavirus-Pandemie Keine Restriktionen mehr in Schweden

Stand: 29.09.2021 16:41 Uhr

In den Clubs wurde wie an Silvester runtergezählt: In Schweden darf wieder gefeiert und getanzt werden wie vor der Pandemie. Auch sonst sind alle Einschränkungen gefallen. Nach Meinung von Kritikern zu früh.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Bis zum Wochenende konnten sie in Örebro nicht mehr warten. Gestern Abend feierten Hunderte partyhungrige Schwedinnen und Schweden eine Covid-Countdown-Party in einem der Clubs. Vor Mitternacht mussten alle noch sitzen und Abstand halten, dann fiel Konfetti von der Decke und die Tanzfläche war voller Menschen. "Ich weiß gar nicht mehr, wie man tanzt, aber wir tasten uns ran", sagt eine Frau euphorisch. Nun gilt auch für Restaurants und für Veranstaltungen wieder Normalbetrieb, die letzten Restriktionen fallen.

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

 Schweden macht vieles anders als Deutschland

Es sei der richtige Zeitpunkt, so Staatsepidemiologe Anders Tegnell beim Sender SVT: "Wir haben langsam, Schritt für Schritt, die Restriktionen zurückgenommen. Immer mehr sind geimpft und immer weniger liegen in Krankenhäusern."

Schweden und Deutschland liegen etwa gleich, in beiden Ländern sind rund 64 Prozent aller Menschen vollständig geimpft. Im Umgang mit der Pandemie jedoch könnten die Unterschiede nicht größer sein. In Schweden gab es nie eine allgemeine Pflicht für einen Mundschutz, lediglich für einen begrenzten Zeitraum in öffentlichen Verkehrsmitteln. Restaurants mussten nicht schließen, durften zeitweise jedoch nur bis 20.30 Uhr öffnen. Besonders zu Beginn der Pandemie sind in Schweden sehr viele Menschen gestorben, insgesamt etwa 25 Prozent mehr als in Deutschland - gemessen an der Bevölkerungszahl.

Passanten am Bahnhof von Malmö | picture alliance / TT NYHETSBYR?

Hier herrscht keine Maskenpflicht: Passanten am Bahnhof von Malmö. Bild: picture alliance / TT NYHETSBYR?

Gefahr noch nicht gebannt

Für manche, wie den Infektiologen Bengt Witte-Sjö, ist noch nicht der richtige Zeitpunkt erreicht, alle Einschränkungen zurückzunehmen. "Ein Viertel der Bevölkerung ist nicht geimpft. Demnächst wollen wir die Zwölf- bis 15-Jährigen in den Schulen impfen. In dieser Altersklasse ist die Infektionsrate hoch und das kann auch zur Verbreitung des Virus in der Bevölkerung führen."

Derzeit sei die Lage in den Krankenhäusern stabil, das könne sich jedoch schnell wieder ändern, so eine andere Ärztin. Staatsepidemiologe Tegnell von der schwedischen Gesundheitsbehörde hält dagegen, dass man auf eine veränderte Situation reagieren werde: "Wir haben die Werkzeuge gegen die Pandemie ja nicht entfernt. Wenn mehr Patienten in Krankenhäuser müssen, dann greifen wir darauf zurück. Aber jetzt deutet alles darauf hin, dass wir auf dem richtigen Weg sind und es wäre auch nicht verantwortungsvoll, jetzt nicht zu öffnen."

Und die, die nicht geimpft sind, sollen sich bitte nicht ins Nachtleben stürzen, so die Empfehlung der Gesundheitsbehörde. Aber wie für Schweden so üblich, wird es auch hier keine Kontrolle geben: Ein Corona-Pass muss auch weiterhin nicht vorgezeigt werden. Eine der Nachtclubbesucherin formuliert es so: "Wir wollen wieder glücklich sein, das Leben leben und an nichts anderes denken."

Dieser Beitrag lief am 29. September 2021 um 17:48 Uhr auf Deutschlandfunk Kultur.