Landwirte ernten Weizen mit Maschinen auf einem Feld in Russland. | AP

Weltweiter Agrarmarkt Hunger als Waffe in Putins Krieg?

Stand: 05.04.2022 17:09 Uhr

Teures Gas, weniger Dünger, weniger Agrarprodukte. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine lässt Lebensmittelpreise steigen. In ärmeren Ländern könnte es zu Hungersnöten kommen. Experten vermuten dahinter eine Strategie.

Von Markus Rosch, Fabian Mader, Johannes Hofmann, BR

Barbara Kösters aus Oberbayern hat ihr Leben lang gearbeitet. Erst in Deutschland und dann lange im Ausland. Nun muss sie mit einer kleinen Rente klarkommen. Doch das Geld reicht nicht mehr. Viele Lebensmittel kann sich die Rentnerin kaum noch leisten, erzählt sie Journalisten des ARD-Politikmagazins report München. In ihrem Supermarkt, einem Discounter, koste die Flasche Sonnenblumenöl jetzt 4,99 Euro - vor nicht allzu langer Zeit habe der Preis unter einem Euro gelegen. "Ich kaufe jetzt noch weniger, aber es reicht trotzdem nicht" sagt Kösters. Ihr Budget für Nahrung beträgt gut 50 Euro für eine Woche. Bisher hat das gerade noch so gereicht, jetzt nicht mehr.  

Preisanstieg bei Rohstoffen

Vor allem Getreide wird immer teurer. Denn in der Ukraine, einem der weltgrößten Produzenten, kann wegen des russischen Angriffskrieges deutlich weniger angebaut werden. Berichten aus der Region zufolge sind viele Bestände zerstört worden oder können nicht mehr abtransportiert werden.

Alex Lissitsa ist Geschäftsführer der IMC Agrarholding in der Ukraine. Zu der Holding gehören fast 124.000 Hektar Agrarfläche vor allem in der Nordukraine. Lissitsa, der auch Co-Vorsitzender des DLG-Arbeitskreises Osteuropa ist, schickt Fotos von seinem Betrieb. Darauf sieht man zerstörte Felder und bombardierte Gebäude. Zweimal seien seine Getreidelager beschossen worden, sagt der Unternehmer. 20.000 Tonnen Mais sollen bisher zerstört worden sein. Überprüfen lassen sich diese Aussagen nicht, aber andere Landwirte berichten Ähnliches aus der Region.

Sorge in Europa

Nutzt der russische Präsident Wladimir Putin die schwieriger werdende Versorgungslage als Druckmittel? Ja, sagt der amtierende EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski aus Polen. Vor Journalisten formuliert er einen schwerwiegenden Vorwurf:  "Es ist die russische Methode, Hunger auszulösen. Sie setzen dieses Mittel bewusst ein, um andere Nationen zu unterwerfen." Weiter berichtet der Kommissar von Informationen, dass die russische Armee die landwirtschaftliche Infrastruktur, Bauernhöfe und sogar einzelne Landwirte bei der Feldarbeit gezielt angreife. Fälle, die sich offenbar häufen.

Europa ist bei Brotgetreide in der Lage, sich selbst zu versorgen, aber es ist angewiesen auf Importe von Sonnenblumenöl und Futtermitteln wie Soja, Mais und Raps. Und Europa ist nicht nur abhängig von ukrainischen Agrarprodukten, sondern auch von russischem Gas, das für die Düngemittelproduktion verwendet wird. Ohne russisches Gas gibt es also weniger Dünger, das heißt weniger Agrarertrag. Will der russische Präsident Putin den Hunger als Waffe nutzen? Für Agrarpolitik-Experten ist das durchaus vorstellbar.  

Stephan von Cramon-Taubadel, Agrarökonom an der Universität Göttingen, sagt im Interview mit report München, in Russland wisse man genau, dass durch den Ukraine-Krieg in vielen Ländern zum Beispiel im Mittelmeerraum, Nordafrika, im Nahen Osten Lebensmittel knapp werden und dadurch die Preise steigen. Dies könne Unruhen verursachen. Für den Experten ist es gut vorstellbar, dass dies auch zu einer Zunahme der Flüchtlingsströme führen könnte. Putin könne so "Spannungen in der EU wieder verstärken", sagt Crayon-Taubadel, der lange in der Ukraine gelehrt hat und Projekte der Weltbank und der Bundesregierung beraten hat.

Agrarpolitik vor Neuausrichtung?

Immer mehr Landwirte und Experten fordern deshalb eine Anpassung der Landwirtschaftspolitik. Denn Getreide und andere landwirtschaftlichen Produkte aus der Ukraine fehlen schon jetzt auf dem Weltmarkt. Deshalb müsse dringend mehr angebaut werden.

Die EU-Kommission hat nun beschlossen, dass Flächen, die aktuell wegen Umweltauflagen als ökologische Vorrangflächen gelten und nur bedingt oder gar nicht bewirtschaftet werden können, wieder landwirtschaftlich genutzt werden dürfen. Aber: Das deutsche Bundeslandwirtschaftsministerium bremst, macht weiter strenge Auflagen. Die Behörde warnt auf eine Anfrage von report München schriftlich davor, "Aspekte der Nachhaltigkeit in der Agrarpolitik zurückzudrehen". Das sieht der Präsident des Deutschen Bauernverbands anders. Joachim Rukwied will in dieser Krisensituation bisher brachliegende Flächen für den wichtigen Getreideanbau freigeben. Entschieden wird darüber am Freitag im Bundesrat.

Offen ist noch, ob im nächsten Jahr im Zuge der neuen EU-Agrarreform Landwirte vier Prozent ihrer Flächen stilllegen müssen oder ob dieses Ziel vorerst auf Eis gelegt wird. Außerdem, so Rukwied, brauche Deutschland zusätzlich eine nationale Reserve für Dünger - um endlich aus der russischen Abhängigkeit herauszukommen.

Ein Lichtblick für die Landwirte: Immerhin will das Landwirtschaftsministerium die zugesagten 60 Millionen Euro aus der Brüsseler Krisenreserve mit nationalen Mitteln um weitere 120 Millionen Euro aufstocken.

Über dieses Thema berichtete das Erste im Report München am 05. April 2022 um 21:45 Uhr.