Russische Militärfahrzeuge in der Ukraine | REUTERS
Analyse

Russlands Angriffskrieg Warum Putins Plan bislang nicht aufgeht

Stand: 27.02.2022 19:29 Uhr

Russland ist auf dem Vormarsch in der Ukraine, stößt aber auf erheblichen Widerstand. Die Verluste scheinen relativ hoch, in Russland wissen die Menschen wenig davon - noch.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Am Donnerstag hat Russlands Präsident Wladimir Putin den Befehl zum Einmarsch in die Ukraine gegeben, bereits zuvor war russisches Kriegsgerät im Donbas unterwegs. Zwar konnten Putins Truppen seitdem weit in das Nachbarland vorrücken, doch verschiedene Analysten meinen, Russland komme deutlich langsamer voran als vom Kreml erwartet und geplant war.

Darauf weisen unter anderem Kämpfe um einen Flughafen nahe Kiew hin, wo die Angreifer einen Brückenkopf für Truppentransporte errichten wollten, was aber zunächst nicht gelang.

Die Flugabwehr der Ukraine konnte Russland bislang nicht vollständig ausschalten - mit fatalen Folgen: Die Ukraine will allein in der Nacht von Freitag auf Samstag zwei russische Transportmaschinen abgeschossen haben, in denen mutmaßlich Spezialkräfte ins Landesinnere gebracht wurden. Laut der Nachrichtenagentur AP bestätigten US-Quellen diese Angabe, allerdings liegen bislang keine Bilder oder Videos als Beweise vor.

Probleme scheint es auch bei der Versorgung der vorrückenden Truppenverbände zu geben. Videos zeigen ausgebrannte russische Militärtransporte, die Nachschub liefern sollten. Außerdem häufen sich Berichte über russische Panzer, die ohne Treibstoff liegen bleiben.

Die Ukraine behauptet, ihre Streitkräfte hätten bislang 3500 russische Soldaten getötet und 200 gefangen genommen. Zudem seien 14 Flugzeuge, acht Hubschrauber, 102 Panzer und mehr als 530 weitere Militärfahrzeuge zerstört worden. Zahlen, die sich nicht überprüfen lassen.

Dass die Ukraine aber tatsächlich Gefangene genommen hat, zeigen verschiedene Videos, in denen russische Soldaten vorgeführt werden. Die russischen Gefangenen erklären darin, sie seien gezwungen worden, gegen die Ukrainer zu kämpfen. Einer behauptet sogar, er sei bereit, nun gegen Russland zu kämpfen. Ob die Gefangenen diese Aussagen freiwillig machten, darf bezweifelt werden.

Propaganda im Realitätscheck

Doch die Hinweise verdichten sich, dass die Kampfmoral der Verteidiger deutlich höher ist als die der Angreifer. Während die Ukraine als David gegen den Goliath Russland kämpft und die Bevölkerung zusammenrückt, werden die russischen Angreifer mit einer Realität konfrontiert, die mit der Kreml-Propaganda nicht zusammenpasst.

Statt von einer jubelnden Bevölkerung, die von einem angeblichen “Nazi-Regime” befreit werden wolle, empfangen zu werden, stoßen die Invasoren auf eine gut vorbereitete Armee sowie eine kampfeswillige Bevölkerung. Sogar ohne Waffen stellen sich Ukrainer russischen Panzern entgegen.

Neben den regulären Soldaten sind mittlerweile Zehntausende Ukrainer bewaffnet, organisieren Milizen und Bürgerwehren, um ihre Dörfer und Städte zu sichern, wie Augenzeugen tagesschau.de berichten.

Die Angriffe der Russen auf die Großstädte der Ukraine, die Berichte über zivile Opfer erhöhen wohl noch die Motivation, sich gegen die Eindringlinge zu wehren - und zwar mit allen Mitteln. Während die russischen Angreifer wenig zu gewinnen haben, haben die Ukrainer alles zu verlieren.

Menschen schauen auf ein beschädigtes Wohnhaus in einem Vorort der ukrainischen Hauptstadt Kiew. | AFP

Menschen schauen auf ein beschädigtes Wohnhaus in einem Vorort der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Bild: AFP

Sanktionen, Waffen, Cyberattacken

Neben den militärischen Problemen steht Russland auf anderen Ebenen ebenfalls unter einem extremen Druck. Verschiedene NATO-Staaten haben - trotz Putins indirekter Drohung mit einem Nuklearkrieg - Waffenlieferungen an die Ukraine angekündigt. Zudem sollen die Sanktionen verschärft werden.

Hacker der Anonymous-Bewegung haben der russischen Regierung ebenfalls den Krieg erklärt - und zahlreiche Regierungsseiten lahmgelegt. Eine Schmach für den Kreml.

Dazu kommen Demonstrationen in vielen Staaten sowie in Russland selbst, außerdem auch noch offener Widerspruch von Künstlern, die sich gegen den Kriegskurs des Kreml aussprechen.

Russland wird in Sport sowie Kultur ebenfalls mit Boykottaufrufen und Ausschlüssen überzogen - und auch russische Sportler stellen sich gegen die autoritäre Führung in Moskau.

Parallelwelt in russischen Staatsmedien

In russischen Staatsmedien wird ein vollkommen verzerrtes Bild der Ereignisse gezeichnet, das immer weniger mit der Realität gemein hat: So wird nicht vom Krieg gesprochen, es gibt keine Berichte über russische Opfer, angeblich werde in Kiew gar nicht gekämpft, sondern nur im Donbass.

Immer noch sind viele Russen überzeugt, es gebe keine getöteten Russen. Eine tickende Zeitbombe, bis das Lügengebäude der Regierung und der Staatsmedien in sich einstürzt. Denn Putin kontrolliert zwar seine Propagandasender als Waffen im Informationskrieg - doch im Zeitalter der sozialen Medien ist eine totale Kontrolle von Informationen kaum noch möglich.

Daher ist es nur eine Frage der Zeit, bis Videos von toten russischen Soldaten, von zerstörten Militärkolonnen und vorgeführten Gefangenen mehr Menschen in Russland erreichen. Dann könnte sich die Stimmung schnell gegen den Krieg wenden.

Woher kommt die Fehleinschätzung?

Putin gilt als guter Taktiker - und die Vorbereitung des Angriffskriegs lief tatsächlich wie aus dem Drehbuch. Putin eskalierte die Lage systematisch, belog die Weltöffentlichkeit immer wieder, führte westliche Politiker vor, schaffte sich Vorwände für einen Angriff - und schlug dann zu.

Skrupel hat der Ex-KGB-Spion keine - das betrifft sowohl seine Feinde im Ausland als auch Widerspruch in den eigenen Reihen. So demütigte er in dieser Woche einen Geheimdienstchef öffentlich. Doch womöglich hat sich der Präsident zu sehr mit Ja-Sagern umgeben; wenn es aber keinen Widerspruch mehr gibt, keinen konstruktiven Streit, wenn verschiedene Perspektiven nicht mehr berücksichtigt werden, dann werden Fehleinschätzungen eines einzelnen einfach umgesetzt. In diesem Fall von Putin. Und der scheint die Stimmung und Kampfbereitschaft in der Ukraine vollkommen falsch eingeschätzt zu haben.

Weitere Eskalation?

Die Ukraine konnte den russischen Vormarsch bisher also zumindest verlangsamen. Doch was folgt aus der bisher wenig effektiven Strategie Russlands? Möglicherweise wird Putin die Angriffe weiter verstärken, noch rücksichtsloser zuschlagen. So könnte Russland zu umfangreichen Luftangriffen übergehen, um die eigenen Verluste zu begrenzen.

Zudem zeigen Videos Militärtransporte in Belarus in Richtung Westen, ins Grenzgebiet zu Polen. Putin hatte bereits gedroht: Wer sich ihm in den Weg stelle, müsste mit nie dagewesenen Konsequenzen rechnen. Der Druck auf den russischen Präsidenten wächst - dass er aber klein beigibt, dürfte ausgeschlossen sein. Eher setzt er auf eine weitere Eskalation.

Mit Informationen und Einschätzungen von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. Februar 2022 ab 11:00 Uhr.