FacePay in der Moskau U-Bahn | AFP

Gesichtserkennung in der Metro Moskaus stumme Polizisten

Stand: 07.07.2022 03:30 Uhr

In der Moskauer Metro kann nun per Gesichtserkennung bezahlt werden. Was als technologischer Komfort anmutet, wird in Russland aber tatsächlich zur Repression eingesetzt.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Bequem, kontaktlos, schnell - so werben die Verkehrsbetriebe der Stadt Moskau für "FacePay", das Bezahlen via Gesichtserkennung.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Wer sich vorab mit seinen biometrischen Daten und einer Bankverbindung online registriert hat, braucht am Eingang zur Metro-Station nur am entsprechenden Terminal kurz in die Kamera zu schauen - schon öffnet sich die Schranke. Der Betrag für die Fahrt wird automatisch vom Konto abgebucht.

Kameras nicht im Dienste der Kunde

Es ist ein nettes Gimmick. In der Praxis ist das aber eher zweitrangig. In erster Linie stehen die mit Gesichtserkennungssoftware ausgestatteten Kameras nämlich nicht im Dienste der Kunden, sondern der Behörden.

"Sie machen gar kein Geheimnis daraus. Sie sagen im Grunde genommen ziemlich offen, dass sie mit diesen Technologien Gesichter erkennen", erklärt Darija Korolenko, Juristin bei der Bürgerrechtsplattform OVD-Info. Die Organisation ist bekannt dafür, Festnahmen zu registrieren und darüber unter anderem auch die Zunahme staatlicher Repressionen zu dokumentieren. Die Informationen erhalten die Mitarbeiter von den Betroffenen selbst, die sich via Hotline oder Chat-Bot an OVD-Info wenden.

Die Leute schreiben uns: 'Ich wurde in der Metro festgenommen' - und berichten, dass die Polizisten entweder auf das Gesichtserkennungssystem hingewiesen haben - oder auf eine Datenbank, in der die Person stehen soll. Sie erklären nicht, was für eine Datenbank das ist. Aber manchmal heißt es, die betreffende Person habe zuvor an Protesten teilgenommen und werde deswegen festgenommen. Oder sie sei im Internet aktiv gewesen und deswegen nehme man sie jetzt fest.

Besonders Kriegsgegner betroffen

Es treffe somit vor allem diejenigen, die sich in irgendeiner Art und Weise gegen den Krieg in der Ukraine positioniert haben, erklärt die Juristin. Dieser darf in Russland nur als "militärische Spezialoperation" bezeichnet werden, und bereits die kleinste Form von Protest kann juristische Folgen haben. Besonders gehäuft hätten sich die Festnahmen in der Metro laut OVD-Info an den Feiertagen am 9. Mai und 12. Juni - dem "Tag des Sieges" und dem "Tag Russlands".

…weil die Polizei glaubte, dass an diesen Tagen Proteste stattfinden würden. Und damit diese Menschen nicht noch einmal hingehen, wurden sie bereits präventiv festgenommen.

Ihre biometrischen Merkmale, schlussfolgert Darija Korolenko, müssten entsprechend vorher schon erfasst und - inklusive Vermerk - in die besagte Datenbank eingespeist worden sein.

Es kommt auf die Anwendung der Technologie an

Dabei sei weder die Datenbank an sich, noch die angewandte Software zum Erkennen und Abgleichen von Gesichtern das eigentlich Problem, sagt der IT-Experte und Internet-Aktivist, Michail Klimarew.

Die Technologie ist im Prinzip in allen Ländern gleich. Aber die Anwendung ist natürlich eine andere. Und in autoritären Staaten wie Russland, Iran und China erhalten nun die Sicherheitskräfte vollen Zugriff, der absolut unkontrolliert ist. Und wenn sie wirklich große Macht haben, ist das eine sehr gefährliche Sache.

Laut Klimarew werde die - wie er es nennt - "Blase der Überwachung" in Zukunft noch weiter anwachsen. Und so glaubt der IT-Experte auch nicht, dass es Zufall war, dass nur kurz nach Beginn der ersten Anti-Kriegsproteste, bei denen die Polizei von Anfang an hart durchgriff, in der Moskauer Metro die Maskenpflicht abgeschafft wurde. "Nun können wir häufiger Ihr Lächeln sehen"; stand damals auf einer großen Digitalanzeige. Rund eine Minute später flimmerte Werbung über den Screen - für die Nutzung von "FacePay", das bequeme Bezahlen via Gesichtserkennung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Juli 2022 um 05:41 Uhr.