Maria Aljochina | dpa

In Verkleidung "Pussy-Riot"-Mitglied Aljochina flieht aus Russland

Stand: 11.05.2022 16:32 Uhr

Ihr drohte die Überstellung in ein Straflager - doch bevor es dazu kommen konnte, ist die Künstlerin Maria Aljochina aus Russland geflohen. Wie ihr das gelang, erinnert sie selbst an einen "Spionageroman".

Trotz polizeilicher Überwachung ist der Künstlerin und Aktivistin Maria Aljochina, Mitglied der kremlkritischen Punkband "Pussy Riot", die Flucht aus Russland gelungen. Mit Hilfe von Freunden gelangte die 33-Jährige über Belarus nach Litauen, wie die Künstlerin der "New York Times" ("NYT") in einem Interview in der litauischen Hauptstadt Vilnius sagte.

Um ihren Überwachern in Moskau zu entkommen, habe sie sich als Essens-Lieferantin verkleidet. Von der "NYT" veröffentlichte Bilder zeigen sie und eine Freundin, wie sie noch in Moskau grüne Kurier-Uniformen anprobieren. Außerdem habe sie ihr Handy in der Wohnung eines Freundes zurückgelassen, berichtete Aljochina - um nicht geortet zu werden und um die Polizei abzulenken.

"Ich verstehe immer noch nicht ganz, was ich getan habe", sagte die Künstlerin der Zeitung. Sie sei aber froh, dass sie es geschafft habe. "Wenn dein Herz frei ist, spielt es keine Rolle, wo du bist", betonte sie in dem Gespräch. Vergangene Woche sei "viel Magie" passiert - "es klingt wie ein Spionageroman".

Aufsehenerregender Protest

Aljochina war 2012 mit ihrer Bandkollegin Nadeschda Tolokonnikowa zu zwei Jahren Straflager verurteilt worden. Sie hatte in der Moskauer Christerlöser-Kathedrale gegen den damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Präsident Wladimir Putin protestiert. Ende 2013 wurden sie begnadigt und kamen frei. In den Jahren danach setzte sie sich weiter für die Achtung der Menschenrechte in ihrem Land ein. Unter anderem gründete sie zusammen mit Tolokonnikowa das unabhängige Medienprojekt "Mediazona" und trat weiter mit "Pussy Riot" auf.

Zuletzt geriet Aljochina aber immer wieder mit der russischen Justiz in Konflikt. Allein seit vergangenem Sommer wurde sie 15 Mal zu kürzeren Haftstrafen verurteilt. Seit September stand sie für ein Jahr unter partiellem Hausarrest, weil sie zu Demonstrationen für den inhaftierten Kremlgegner Alexej Nawalny aufgerufen hatte. So durfte sie ihre Wohnung nachts nicht verlassen.

Kunstszene Russland: Auftritt von Pussy Riot in der Moskauer Kathedrale am 21. Februar 2012 | picture alliance / dpa

Dieses "Punk-Gebet" von Pussy Riot in der Moskauer Kathedrale im Februar 2012 erzürnte die Kirche und die Staatsführung - und zog Haftstrafen nach sich. Bild: picture alliance / dpa

Dem Straflager entgehen

Ihr Entschluss, Russland zu verlassen, sei im April gefallen, als Putin begann, härter gegen Kritik am russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine durchzugreifen, erzählte die Künstlerin nun. Die Behörden hätten angekündigt, Aljochinas damaliger Hausarrest solle in 21 Tage Straflager umgewandelt werden. Unbekannte beschmierten zudem die Tür ihrer Wohnung in Moskau und denunzierten sie als "Verräterin". Ihre Freundin Lucy Schtejn verließ daraufhin schon vor einem Monat Russland - ebenfalls als Essenslieferantin verkleidet.

Aljochina berichtete der "NYT" weiter, sie sei von einem Bekannten mit einem Auto an die Grenze zu Belarus gebracht worden. In dem Nachbarland habe sie Hotels und andere Orte vermieden, wo sie sich hätte ausweisen müssen.

Bei ersten Versuchen, mit einem litauischen Visum und ihrem russischen Ausweis die Grenze zu überqueren, sei sie zweimal mangels eines Reisepasses von belarusischen Grenzschützern abgewiesen worden. Ihren internationalen Reisepass hatten die russischen Behörden beschlagnahmt, außerdem habe sie zu diesem Zeitpunkt schon auf einer Fahndungsliste gestanden.

Ein dritter Versuch mit einem anderen Dokument sei dann erfolgreich gewesen. Ein befreundeter Künstler aus Island habe ein nicht genanntes europäisches Land dazu gebracht, der 33-Jährigen ein Reisedokument auszustellen, das ihr einen ähnlichen Status wie eine EU-Bürgerin verliehen habe. Dieses Dokument sei nach Belarus geschmuggelt worden und sie habe einen Bus nach Litauen besteigen können.

Maria Aljochina | dpa

Maria Aljochina hat sich seit Jahren für die Ukraine engagiert. Nun sah sie für sich selbst keine Möglichkeit mehr, in Russland noch aktiv zu sein. Bild: dpa

Spott über die Behörden

Dass ihr die Flucht gelungen sei, zeige auch das Chaos der russischen Strafverfolgungsbehörden, sagte die Künstlerin der "New York Times". "Von hier aus sieht es aus wie ein riesiger Dämon, aber von innen betrachtet ist es sehr unorganisiert. Die rechte Hand weiß nicht, was die linke Hand tut."

Sie hoffe trotz allem, irgendwann nach Russland zurückkehren zu können. Auch andere Mitglieder der Band sollen Russland inzwischen verlassen haben - darunter eine Freundin Aljochinas, mit der sie sich eine Wohnung teilte. Auch sie habe sich dafür als Essens-Lieferantin verkleidet.

In Vilnius und auch in Island probe die Band nun für ihre bevorstehende Europa-Tournee, bei der Geld für die Ukraine gesammelt werden solle. An diesem Donnerstag ist ein Konzert in Berlin geplant, bei dem auch Aljochina dabei sein werde, sagte eine Sprecherin des XJazz-Festivals.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Mai 2022 um 08:00 Uhr.