Die belarusische Oppositionsaktivistin Kolesnikowa (Archivbild vom 10.08.2020) | AFP

Prozess gegen Kolesnikowa "Ich erwarte kein gerechtes Urteil"

Stand: 04.08.2021 12:46 Uhr

In Minsk hat heute der Prozess gegen die Oppositionelle Kolesnikowa begonnen. Ihr drohen bis zu zwölf Jahre Haft. Ihre Familie blickt mit Sorge auf die Verhandlung.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

"Glaube ihnen nicht, fürchte Dich nicht, bitte um nichts - und lache" - das sei ihre Leitlinie im Umgang mit den belarusischen Behörden, schrieb Maria Kolesnikowa der russischen Redaktion Doschd kurz vor Prozessbeginn. Seit September sitzt sie in Untersuchungshaft. Regelmäßig schickt sie Briefe auch an ihren Vater.

Auch darin sei nicht die kleinste Spur von Pessimismus, berichtet Alexander Kolesnikow dem ARD-Studio Moskau: "Sie schreibt, dass es ihr nicht schlecht geht, sie auf den Sieg und den weiteren Kampf eingestellt ist. Das ermutigt auch mich wirklich sehr." Mit ihrem platinblonden Kurzhaarschnitt, den stets lächelnden, rot geschminkten Lippen und ihren zu einem Herz geformten Händen hatte sie über Wochen die Proteste in Belarus angeführt.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Zur Festnahme kam es, als sie sich Anfang September einer gewaltsamen Deportation in die Ukraine widersetzte, nachdem sie zuvor mitten in Minsk von maskierten Männern in einen Kleinbus gezerrt worden war. Kolesnikowa zerriss ihren Pass, setzte damit das deutliche Zeichen, dass sie Belarus nicht verlassen werde - und wurde damit zur Heldin der Oppositionsbewegung.

Kurz nach ihrer Festnahme erschien ein zuvor aufgezeichnetes Video. Darin wendet sich die 39-Jährige direkt an ihre Anhänger: "Wenn Sie dies sehen, bedeutet das, dass ich festgenommen wurde. Aber ich bin mir sicher, dass ich keine Angst habe. Und ich hoffe, dass auch Sie keine Angst haben."

"Dass Maria jetzt inhaftiert ist, war ihre Wahl", erklärt ihr Vater im ARD-Interview. "Ja, das ist eine mutige Tat. Ja, das ist auch eine Heldentat und ein Vorbild für viele. Aber ihre Weggefährtinnen, ich meine Veronika und Swetlana, sind für mich nach wie vor auch Heldinnen."

Sowohl Veronika Tsepkalo als auch Swetlana Tichanowskaja haben das Land auf Druck der Behörden verlassen. Von Litauen aus führt die Lukaschenko-Herausforderin und - wie sie sich mittlerweile selbst bezeichnet - "rechtmäßig gewählte Präsidentin von Belarus", Tichanowskaja, die Arbeit der Oppositionsbewegung fort.

In einem Interview mit der BBC erklärte sie, dass es aber Kolesnikowa gewesen sei, von der sie viel gelernt habe: "Ich war damals zu unentschieden, zu unsicher. Aber Mascha hat mich mit ihrer Energie und mit ihrem Glauben aufgeladen. Sie hat uns immer beruhigt: "Alles wird gut! Wir dürfen keine Angst haben! Wir werden gewinnen."

Gemeinsam mit dem Anwalt Maxim Znak, der wie Kolesnikowa auch zum Vorstand des von der Opposition gegründeten Koordinierungsrats gehört, sitzt sie von heute an auf der Anklagebank. Ihnen wird unter anderem die Gefährdung der nationalen Sicherheit, ein Komplott zur verfassungswidrigen Machtergreifung, sowie die Bildung einer extremistischen Organisation vorgeworfen. Beiden drohen bis zu zwölf Jahren Haft.

Marias Vater ist überzeugt, dass das Urteil bereits feststeht - auch wenn sich der Prozess selbst lange hinziehen könnte: "Ich erwarte keine Überraschungen und natürlich kein gerechtes Urteil. Aber die Hoffnung ist da!"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. August 2021 um 06:45 Uhr.

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Moderation 04.08.2021 • 18:36 Uhr

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