Geflüchtete Frau mit Kindern auf einer Bahnstation in Przemysl. | AP

Flüchtlinge in Polen Hilfsbereitschaft - aber nicht für alle

Stand: 26.03.2022 12:04 Uhr

Mehr als zwei Millionen Ukrainer kamen seit Kriegsbeginn nach Polen, viele bleiben. Noch trägt die Solidarität ihre Versorgung. Doch den weiterhin aus Belarus kommenden Migranten wird sie nicht zuteil - und erste Engpässe sind spürbar.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Swetlana, alleinerziehende Mutter aus Kiew, nahm es nicht recht ernst, als es Mitte Februar in der Kita hieß: Bereitet Euch auf den Krieg vor. Vorsicherheitshalber bunkerte sie aber etwas Brot und Wasser. Als sie am frühen Morgen des 24. Februar von Detonationen aus dem Schlaf gerissen wurde, wusste sie, dass es sich diesmal um mehr handelte als um Drohgebärden des russischen Präsidenten Wladimir Putin. "Ich machte die Nachrichten an und da war es: Krieg. Erst da begann ich, es zu glauben."

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn Alexander verkroch sich Swetlana in einem Keller unter ihrem 16-stöckigen Wohnblock. Als der Kleine krank wurde, entschloss sie sich zur Flucht; ihre Mutter ließ sie zurück. Jetzt sitzt sie in der Küche von Elzbieta Pawluczuk. Die Warschauerin entschloss sich spontan, die beiden aufzunehmen.

"Eine Freundin von mir rief eines Tages von der Grenze an, dass sie eine Familie abholen wird" erzählt sie. "Es war eigentlich egal, wer das wird, wir haben ja keine Ausschreibung gemacht."

Tagelanges Anstehen für Sozialleistungen

Mehr als zwei Millionen Menschen sind seit Kriegsbeginn aus der Ukraine nach Polen eingereist, viele blieben im Land. Dass es keine großen Flüchtlingslager gibt, ist der Gastfreundschaft von Polinnen wie Pawluczuk geschuldet, die Menschen spontan aufnehmen.

Dennoch sind Belastungsgrenzen spürbar: Vor allem die großen Städte platzen aus allen Nähten. Im Warschauer Zentralstadion, wo Ukrainer eine Identifizierungsnummer beantragen können, die Zugang zu staatlichen Leistungen oder Bankkonten ermöglicht, warteten Interessenten teils tagelang. Fast 100.000 ukrainische Kinder sind bereits in polnischen Schulen angemeldet.

Premierminister Mateusz Morawiecki freut sich über das Bild, das sein Land abgibt: "Es ist wirklich schön, wie der Einsatz der Polen in der ganze Welt geschätzt wird", sagt er. "Diese Atmosphäre guter Stimmung, nationaler Einigkeit und der Kampf um wichtigste Grundwerte wie das Recht auf Leben soll ein Teil unser aller Lebens werden, auch in der Politik."

Migranten aus Belarus werden zurückgedrängt

Wobei sich die Lage entlang der polnisch-belarusischen Grenze keineswegs geändert hat, auch wenn die Aufmerksamkeit jetzt anderen Themen gilt. Zuletzt kam es dort wieder vermehrt zu Schleusungen von Migranten aus afrikanischen Ländern - und nach wie vor dürfen die Beamten aufgegriffene Menschen dort ohne weiteres Verfahren zurückweisen und nach Belarus schicken. Davon mache der polnische Grenzschutz auch immer wieder Gebrauch, kritisieren Menschenrechtsaktivisten wie Aleksandra Chrzanowska.

"Leider sieht die Situation an der polnisch-belarusischen Grenze völlig anders aus als ein paar hundert Kilometer weiter", sagte sie dem Sender TOK FM. "Die Flüchtlinge sind hier nicht willkommen, im Gegenteil werden sie von Grenzschutz und Armee eingefangen und hinter den Stacheldraht gedrückt. Auch bei schlechtem Gesundheitszustand werden sie nach Belarus zurückgezwungen, wo ihnen Folter droht." Der Grenzschutz bestreitet willkürliche Zurückweisungen indes.

Zukunftspläne nach der Flucht

Elzbieta Pawluczuk in Warschau, die Swetlana und ihren Sohn aufgenommen hat, bekam selbst Hilfe, Kleidung für den kleinen Alexander etwa brachten Bekannte vorbei. Swetlana sei es aber bereits unangenehm, wenn ihre Gastgeberin beim Einkaufen alles bezahlt.

Sie hat in Kiew in einem Makeup-Studio gearbeitet und könnte vielleicht schnell Arbeit finden in Warschau. Aber für Zukunftspläne ist es noch zu früh: "Es ist hart, psychisch. Ich habe noch den Klang der Sirenen in meinem Kopf. Ich höre noch immer die Explosionen in Kiew", erzählt sie. "Ich habe Albträume und bin froh, hier zu sein, wo es keine Explosionen gibt.

Auf die Frage, ob sie in Warschau bleiben will, fragt sie: "Ich weiß es nicht. Ich bin noch dabei, wieder zu Sinnen zu kommen. Ich will nirgendwo hin. Ein Hubschrauber fliegt vorbei, und allein das Geräusch macht mir Angst."

Über dieses Thema berichtete BR24 Aktuell am 25. März 2022 um 20:20 Uhr.