Sendungsbild

Polnisch-belarusische Grenze "Prozess ohne unabhängige Beobachter"

Stand: 10.11.2021 17:40 Uhr

Journalisten kommen nicht unmittelbar an die Grenze zwischen Polen und Belarus. Die Region ist Sperrgebiet. ARD-Korrespondent Olaf Bock schildert die Schwierigkeiten der Berichterstattung und die Anspannung vor Ort.

tagesschau: Wie ist derzeit die Lage an der Grenze von Polen zu Belarus?

Olaf Bock: Hinter mir ist der Weg in Richtung belarusische Grenze, und da beginnt dann auch schon bald das sogenannte Sperrgebiet. Dort ist der Ausnahmezustand verordnet, drei Kilometer entlang der Grenze. Weder Hilfsorganisation noch Journalisten können dorthin. Die offizielle polnische Sicht, die wir bekommen, ist, dass etwa 4000 Menschen in den Wäldern auf der belarusischen Seite sind.

Wie es den Menschen dort geht, erfährt man beispielsweise über Clips, die in den sozialen Medien hochgeladen werden. Da sah man in der vergangenen Nacht Bilder von Lagerfeuern und Zelten. Da hört man auch, dass die Menschen dort nicht versorgt werden.

Ich habe mich vor einigen Tagen mit einem Kurden unterhalten, der sich auf dieser Seite aufhält und ein wenig Deutsch sprach. Er hat mir auch erzählt, sie seien dort nicht versorgt worden, dass auch Familien dabei seien. Es gehe ihnen sehr schlecht, und sie hätten auch keine Option, wieder in Richtung Minsk zurückzugehen, weil sie dann geschlagen würden. Ich habe Fotos erhalten, die blaue Flecken zeigen. Da scheint Druck von der belarusischen Seite da zu sein. Fakt ist, gestern Nacht waren minus drei Grad, und es wird nicht wärmer. Der Winter naht.

Verletzungen und Pushbacks

tagesschau: Nun gelang es ja offenbar einigen Flüchtlingen, die Grenze nach Polen zu durchbrechen. Sie wurden allerdings aufgegriffen und von polnischen Kräften wieder über die Grenze zurückgeschoben. Wie läuft das ab?

Bock: Auch da gibt es sehr unterschiedliche Informationen. Wir konnten es nicht persönlich beobachten. Nachrichtensender der Region haben in der vergangenen Nacht berichtet, es habe etwa an einer Stelle 200 Menschen gegeben, die auf die andere Seite gekommen wären, indem sie entweder den Zaun durchgeschnitten oder eben überwunden hätten, und an einer anderen Stelle 80.

Offiziell waren es heute 50 oder mehr, und viele seien zurückgebracht worden. Genaue Zahlen und genaue Vorgänge kann man nicht beschreiben. Aber was wir gehört haben, ist, dass viele dieser Menschen wieder zurückgebracht wurden, und dass es wohl auch Verletzungen gegeben hat - Schnitte durch die scharfen Stacheldrahtzäune. Die offizielle polnische Sicht ist: Die Lage ist sehr ernst, und es gibt offensichtlich - so wird es beschrieben - regelmäßig Versuche von Gruppen, die Grenze zu überqueren.

tagesschau: Seit Wochen harren Migranten im Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus aus. Sie können weder vor noch zurück, es ist kalt in der Nacht. Manche brauchen medizinische Versorgung. Gibt es denn inzwischen humanitäre Hilfe?

Bock: Das ist einer der Kernpunkte diese Ausnahmezustands-Zone. Hilfsorganisationen fordern schon seit längerer Zeit, vorgelassen zu werden, dort Hilfe leisten zu können. Die kommen da aber nicht ran. Gestern kam hier ein Bus an, wo auch deutsche Hilfsorganisation dabei waren. Die mussten umdrehen und sind zurückgefahren. Die polnische Seite sagt, sie habe auch schon Hilfslieferungen bereitgestellt und würde die gerne liefern. Aber die Belarusen ließen sie nicht rüber oder nähmen diese Dinge nicht an. Es ist ein Prozess ohne Beobachter von unabhängiger Seite. Aber klar ist es, dass es den Menschen in dieser Situation sicherlich nicht gut geht.

Das Gespräch führte Kirsten Gerhardt, tagesschau24. Für die schriftliche Version wurde das Interview redigiert und gekürzt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. November 2021 um 14:00 Uhr.