In einem Container in Michalowo (Polen) sind Hilfsgüter für die im Grenzstreifen zu Belarus gestrandeten Migranten gelagert | EPA

Polens Kirche und die Grenzkrise Der lange Weg zur Barmherzigkeit

Stand: 28.11.2021 03:13 Uhr

Das Schicksal der an der Grenze zu Belarus Gestrandeten verlangt auch von Polens Kirche eine Reaktion. Kritiker werfen ihr vor, nur langsam und zögerlich Hilfe angeboten zu haben. Hat die katholische Kirche versagt?

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Die liberal regierte Stadt Michalowo war schneller: Sie richtete eine Wärmestube in der örtlichen Feuerwache ein. Dann ließ auch die katholische Kirche die Caritas unweit des De-Facto-Sperrstreifens an der Grenze Spenden und Hilfsgüter stapeln. Zuvor hatte die Kirche in Gestalt des Primas Wojciech Polak in einem Brief appelliert, "humanitäre Korridore" einzurichten, um im Grenzwald stecken gebliebene Migranten mit dem Nötigsten zu versorgen; es dauerte Tage, bis die schriftliche - und negative - Antwort des Innenministers im Erzbistum Gnesen einging.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Anfang November, Monate nach Beginn der Krise, drängte dann abermals der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Stanislaw Gadecki, öffentlich, den Migranten - ganz gleich, wie sie ins Land gekommen seien -, "geistliche und materielle Unterstützung" zukommen zu lassen; er rief auch für vergangenen Sonntag zu Spendenaktionen in polnischen Kirchen auf.

Die Gelder seien für die Finanzierung von Hilfen in der Grenzregion vorgesehen, erläuterte Episkopatssprecher Leszek Gesiak. Und er verwies darauf, dass Gadecki gesagt habe, die Mission der Kirche bestehe in erster Linie in der Verkündung des Evangeliums besteht - "und deswegen kann man sich nicht der Pflicht entziehen, den Ankömmlingen Hilfe zu leisten".

Die Feuerwache in Michalowo (Polen) wird in der Grenzkrise kurzfristig zur Wärmstube und zum Lage für Hilfsgüter umfunktioniert. | REUTERS

Die Feuerwache in Michalowo wurde kurzfristig zur Wärmstube und zum Lage für Hilfsgüter umfunktioniert. Bild: REUTERS

"Wir haben versagt"

Manche in der Kirche sind schockiert über diesen langen Weg zu mehr Barmherzigkeit;. Der PiS-kritische Priester Wojciech Lemanski etwa meinte:

Wir alle haben verloren. Der polnische Staat, die Kirche als Institution. Wir sind schon auf der anderen Seite. Wir sind nur teilschuldig, andere haben es provoziert. Aber wir haben versagt. Das Rote Kreuz bestand die Prüfung nicht, reagierte nicht, genauso wenig wie der Kinderrechtsbeauftragte. Es ist blamabel."  

Ob etwa auch die Kirchengemeinden nahe der Grenze nun tatsächlich Spenden sammeln und zu Hilfen für die Menschen in den umliegenden Wäldern aufrufen, lässt sich schwer überprüfen, da Journalisten aus dem unmittelbaren Grenzgebiet ausgesperrt sind.

Eine Redeverbot für Priester

Mitte Oktober noch recherchierte Krzystof Boczek vom Portal Oko.press trotzdem in der Region. Er schildert die zunächst freundliche und offene Begegnung mit einem Priester. Als er sich ihm gegenüber als Journalist zu erkennen gegeben habe, um mit ihm über Hilfen zu reden, habe sich der Ton des Priesters "total" geändert: "Es sei ihm - wie auch allen anderen Priestern - verboten, darüber zu reden", gibt Boczek die Äußerung des Priesters wieder.

Am selben Tag habe er eine Kollegin getroffen, die ähnliches erlebt habe: ein kategorisches Nein zu jedem Gespräch über Hilfen für Flüchtlinge.

Demonstration in Michalowo (Polen) in Solidarität mit den Migranten im Grenzstreifen zu Belarus | EPA

Gegen die Linie der Regierung demonstrierten in Michalowo im Oktober Bürger vor dem Büro der Grenzpolizei. Bild: EPA

Große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung  

Dabei ist die Hilfsbereitschaft vieler Menschen gerade in der Grenzregion groß und inzwischen vielfach in den Medien thematisiert. Soziologen verweisen auf die spezielle Struktur einer für polnische Verhältnisse multikulturellen Gegend; viele Familien dort haben selbst Flucht und Vertreibung erfahren.

Auch viele Menschen orthodoxen Glaubens, die es dort zahlreich gibt, seien von sich aus aktiv geworden, betont Doroteusz Sawicki von der orthodoxen Hilfsorganisation Eleos. Die Gläubigen an der Ostgrenze hätten sofort reagiert:

Sie teilen, was sie haben. Essen und Kleidung, natürlich immer im Rahmen des geltenden Rechts. Deswegen versuchen sie nicht, diese Menschen Richtung Westen zu bringen. Sie sehen in ihnen aber keine Migranten, sondern Menschen, die Hilfe brauchen."  

Was auch weltlichen Segen hat. Menschen Lebensmittel und Kleidung zu bringen, sei nicht verboten, sagte unlängst eine Grenzschutzsprecherin auf eine Journalistenfrage.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 28. November 2021 um 09:53 Uhr.