Ein ukrainischer Grenzsoldat ist am Einreise-/Ausreisekontrollpunkt Zolote in der Region Luhansk im Osten der Ukraine im Einsatz | picture alliance / Photoshot

Ostukraine Der Krieg gehört zum Alltag

Stand: 27.01.2021 06:59 Uhr

Trotz Waffenruhe wird in der Ostukraine geschossen - jeden Tag. Die Pandemie verschärft die Situation: Den Bewohnern fehlen Medikamente, Strom, Trinkwasser. Doch die Friedensverhandlungen stecken fest.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Fast sieben Jahren dauert er nun schon: der Krieg in der Ost-Ukraine. Aus den Schlagzeilen ist der Dauerkonflikt längst verschwunden, auf der internationalen politischen Agenda ist weit nach hinten gerutscht. Auch wenn trotz der offiziellen Waffenruhe weiter geschossen wird - jeden Tag.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Allein am vergangenen Wochenende hat die OSZE-Beobachtergruppe über 360 Zwischenfälle entlang der Kontaktlinie, die das ukrainische Kernland von den besetzten Gebieten trennt, registriert: Explosionen, Schusswechsel, Störfeuer. 

Der Krieg gehöre zum Alltag, sagt der Psychologe Olexij Geljuch bedauernd. Die Menschen in der Region hätten sich daran gewöhnt. Der 13-jährige Danil geht nicht in den Wald. Er meidet Feldwege und kürzt den Schulweg nicht ab - aus Angst vor Sprengfallen und Minen. An Schüsse hat er sich längst gewöhnt. So viele andere hier.

Die meisten sind damit beschäftigt zu improvisieren, um ein halbwegs normales Leben zu führen. Auch wenn es mitunter an Grundlegendem fehlt: an Medikamenten, Strom, sauberem Wasser. 

Ein Soldat misst die Temperatur einer Person, die gerade einen Übergang in der Region Luhansk überquert (Archivbild vom 10.11.2020). | AFP

Ein Soldat misst die Temperatur einer Person, die gerade einen Übergang in der Region Luhansk überquert (Archivbild vom 10.11.2020). Bild: AFP

Leben von dem, was der Garten hergibt

Die Ungewissheit mache den Menschen zu schaffen, sagt Serhij, der als Lehrer in der Frontstadt Krasnohoriwka arbeitet. Es sei gut, dass weniger geschossen werde, er habe trotzdem ständig Angst um die Kinder. Wann immer der Beschuss heftiger wird, gehen sie in den Keller der Schule, der mittlerweile entsprechenden eingerichtet ist. Es gibt Decken, Trinkwasser, Stühle und Medikamente.

Die Angst, dass der Krieg wieder richtig ausbrechen könnte, ist allgegenwärtig. Und eng verknüpft mit Erinnerungen: an Einschläge, an zerborstene Fenster, zerstörte Häuser, Tote und Verletzte.

Die Pandemie verschärft die Situation. Viele Betriebe und Geschäfte sind inzwischen geschlossen. Die Menschen haben ihre Jobs verloren. Sie leben von dem, was der Garten hergibt. Benzin und Gas sind knapp. Längst nicht überall gibt es zu kaufen, was für den täglichen Gebrauch benötigt wird - von medizinischer Versorgung ganz zu schweigen.

"Der Konflikt ist nicht vorbei"

"Das Leben der Menschen in dieser Region ist immer noch stark beeinträchtigt", stellte die schwedische Außenministerin Ann Linde vergangene Woche bei einem Besuch an der Kontaktlinie fest. Es klang emotionaler als sonst, wenn auf diplomatischem Parkett von einer "schwierigen humanitären Lage" die Rede ist.

Linde hat gerade den Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) übernommen, die neben Deutschland und Frankreich in dem Konflikt vermittelt. Sie habe tragische Geschichten vor Ort gehört, sagt die Ministerin. Ihr sei bei diesem Besuch klar geworden, dass der Konflikt in der Ukraine alles andere als vorbei sei. Trotz der vereinbarten Waffenruhe. Noch immer würden Menschen sterben.

Dmytro Kuleba und Ann Linde begrüßen sich mit den Ellenbogen | picture alliance / AA

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba und die schwedische Außenministerin Ann Linde begrüßen sich mit den Ellenbogen. Bild: picture alliance / AA

Friedensprozess tritt auf der Stelle

Es sei, so formuliert es die OSZE offiziell, höchste Zeit, dass die Konfliktparteien konstruktiv an einer Lösung arbeiteten. Es müsse Schluss sein mit den gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die politischen Verhandlungen aber treten auf der Stelle. Russland fordert direkte Gespräche zwischen der ukrainischen Regierung und den selbsternannten Volksrepubliken. Was Kiew ablehnt, weil dies einer Anerkennung gleichkäme.

Es wird weiter gestritten, welcher der vor langer Zeit im Minsker Abkommen vereinbarten Schritte zur Konfliktlösung von wem zuerst gemacht werden muss. Heikle Fragen, wie die nach dem Sonderstatus des Donbass, nach Wahlen und Grenzkontrollen, sind weiter offen.

Ebenso offen ist, ob und wann es eine Neuauflage des Gipfeltreffens von Paris geben wird. Dort keimte vor gut einem Jahr zumindest kurz die Hoffnung auf, dass der Krieg doch ein Ende finden könnte.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 27. Januar 2021 um 07:10 Uhr."