Bohrinseln auf dem norwegischen Ölfeld Johan Sverdrup in der Nordsee im Abendlicht | AFP

Norwegen Regierungswechsel - und weg vom Öl?

Stand: 09.09.2021 11:56 Uhr

In der kommenden Woche wählt Norwegen ein neues Parlament, und der Wahlkampf wird dominiert von Klimathemen. Es könnte zu einem Regierungswechsel von Konservativ-Bürgerlich zu Rot-Grün kommen. Was bedeutet das für die Ölindustrie?

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Eine Begegnung an einem riesigen Betonturm direkt am Meer im norwegischen Haugesund. Der Turm ragt etwa 20 Meter aus dem Wasser, aber die gelben Markierungen verraten, dass das nur ein kleiner Teil ist - rund 40 Meter sind bereits im Meer versunken. Nadia Zahl arbeitet hier als Industrieklempnerin und zeigt uns das Firmengelände. Elf Betonfundamente liegen dort, auf die später Windräder montieren werden.

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Diese Offshore-Windräder für Ölplattformen sollen einmal bis zu fünf Bohrinseln mit Strom versorgen. Grüne Energie für die Ölförderung, sagt Zahl stolz. So werde mit all dem Fachwissen vor Ort "das grünste Öl" produziert. Und deshalb sei es schade, dass Norwegen darüber diskutiert, die Förderung zu stoppen. Das werde dazu führen, befürchtet Zahl, dass andere Länder das Öl fördern werden.

Eine Diskussion, die nach Zahls Auffassung vor allem in der Osloer Innenstadt geführt wird, wo es "nicht ganz so viele Fabriken" gebe und "eigentlich nur Politiker und Kinder aus Akademikerfamilien" - von denen sich Zahl wünscht, dass sie mit den Menschen reden würden, die in der Industrie arbeiten.

Eine Bohrplattform bei Stavanger (Norwegen) | picture alliance / dpa

Die Ölförderung grüner machen und weiter betreiben - oder aus ihr aussteigen? Die Frage wird im norwegischen Wahlkampf diskutiert. Bild: picture alliance / dpa

Weniger Subventionen

Ortswechsel zu den Politikern und Akademikerkindern, wie Zahl die Einwohner Oslos beschreibt. Die konservativ-bürgerliche Regierung rund um Erna Solberg muss sich laut Umfragen Sorgen machen. Ein rot-grünes Bündnis könnte sie nach der Wahl ablösen - wenn auch bisher nur mit knappem Vorsprung. Klima und Öl dominieren die Debatte im Wahlkampf, neben Themen wie Bildung oder sozialer Ungleichheit. Gerade erst hat die Regierung angekündigt, Steuervergünstigungen für die Ölindustrie zu streichen, die bisher für Investitionen bei der Suche nach neuen Ölfeldern galten.

Ganz neue Töne seien das in der norwegischen Politik, so der Öl-Historiker Helge Ryggvikk von der Universität Oslo. Noch zu Beginn der Pandemie hätten die großen Parteien darum gestritten, der Ölindustrie die bestmöglichen Bedingungen zu bieten. Es wurden neue Gebiete in der Arktis und der Barentssee für die Ölbohrung freigegeben. Alle, die damals kritisch auf die Ölindustrie geblickt haben, hätten das als einen enormen Rückschritt empfunden. "Was wir jetzt im Wahlkampf erleben, ist schon eine ziemliche Abkehr davon! Bei allen wächst die Unterstützung dafür, nicht mehr nach neuen Ölfeldern zu suchen."

Oppositionspolitiker Støre und Ministerpräsidentin Solberg bei einer Wahlkampfveranstaltung in Trondheim (Norwegen) | EPA

Sozialdemokrat Støre könnte neuer Ministerpräsident werden und Amtsinhaberin Solberg ablösen - schon vor vier Jahren war er nur knapp gescheitert. Bild: EPA

Was trägt Norwegen zum Klimaschutz bei?

Endlich, findet Simon Balsnes, hätten auch einige Politiker verstanden, dass man lieber gestern als heute der Ölindustrie den Hahn zudrehe. Der Student arbeitet als Fachgruppenleiter Öl bei "natur og ungdom", einer norwegischen Naturschutzsorganisation für junge Menschen. Der 23-Jährige hat sein Lehramtsstudium unterbrochen und arbeitet ehrenamtlich Vollzeit bei der Organisation. Ihn treibe dabei "existenzielle Angst" und "eine Verantwortung für die Generationen, die nach mir kommen" um, sagt er. "Wir sind eines der reichsten Länder der Welt und können nichts zum Klimaschutz beitragen. Wer, wenn nicht wir?"

Dass Norwegen fast den gesamten Strom mit Wasserkraft erzeugt, dass auf den Straßen sehr viele E-Autos fahren und dass das Land bis 2030 klimaneutral sein möchte - Balsnes reicht das nicht. Die nächste Regierung müsse den Ausstieg aus der Ölförderung hoch priorisieren. Dieser Prozess müsse politisch gesteuert sein, mit einem Ziel und einem Zeitplan. Das sei dann auch für die Branche vorhersehbar.

Die Zeit für die Suche nach Alternativen nutzen

Zurück nach Haugesund zur Industrieklempnerin Zahl. Auch sie blickt mit Sorgen auf die Parlamentswahl am kommenden Montag und hat nur einen Wunsch an die neue Regierung - dass eben kein Enddatum gesetzt wird und das "grünste Öl" weiter produziert wird, bis es zu Ende geht. Stattdessen, meint Zahl, "sollten wir eine neue Industrie entwickeln, die den Wohlfahrtstaat genauso absichert wie das Öl".

Sie möchte ihren Job behalten, am liebsten bis zur Rente, sagt sie noch. Denn an solchen Tagen wie diesem, bei Sonne und angenehmer Temperatur, gäbe es doch keinen schöneren Arbeitsplatz als hier am Meer.

 

 

 

Dieser Beitrag lief am 07. September 2021 um 05:50 Uhr im Deutschlandfunk.