Passanten im nordirischen Hillsborough Castle warten am 13. September auf Großbritanniens neuen König Charles III. | AP

Volkszählung in Nordirland Katholiken erstmals in der Mehrheit

Stand: 22.09.2022 15:30 Uhr

In Nordirland stellen laut einer Volkszählung erstmals Katholiken die Mehrheit. Im Mai hatten die Protestanten dort schon die politische Macht verloren. Sinn-Fein-Politiker fordern jetzt ein Einheitsreferendum.

Erstmals in der 101-jährigen Geschichte Nordirlands leben mehr Katholiken als Protestanten in der britischen Provinz. In der Volkszählung von 2021 bezeichneten sich 45,7 Prozent der knapp 1,9 Millionen Einwohner als katholisch oder katholisch erzogen, wie das Statistikamt in Belfast mitteilte.

Das waren etwas mehr als beim Zensus vor zehn Jahren. Allerdings sank die Zahl der Menschen, die sich als protestantisch oder protestantisch erzogen verstehen, deutlich von 48 Prozent auf 43,5 Prozent. Keiner Religion zugehörig fühlen sich 9,3 Prozent, 2011 waren es 5,6 Prozent. 1,5 Prozent gehören anderen Konfessionen an.

Sinn Fein seit Mai erstmals stärkste Partei

Die Religionszugehörigkeit war ein entscheidender Faktor im jahrzehntelangen nordirischen Bürgerkrieg mit Tausenden Toten. So unterstützen vornehmlich Protestanten die Union mit Großbritannien, während sich vor allem Katholiken für die Wiedervereinigung mit dem EU-Mitglied Republik Irland aussprechen.

Experten hatten wiederholt darauf hingewiesen, dass die Zahl der Katholiken deutlich zunehme. Bei der Regionalwahl im Mai hatte mit Sinn Fein erstmals eine katholisch-unionistische Partei die meisten Stimmen erhalten. Wie die Volksabstimmung weiter ergab, bezeichnen sich allerdings etwas mehr Menschen als britisch denn als irisch (31,9 zu 29,1 Prozent).

Sinn Fein: "Historischer Wandel" auf der Insel

Als Reaktion auf die Ergebnisse forderte der Sinn-Fein-Abgeordnete John Finucane die irische Regierung auf, sich auf die "Möglichkeit eines Einheitsreferendums" vorzubereiten, wie der "Belfast Telegraph" berichtet. Die Teilung Irlands sei ein "Fehlschlag", sagte Finucane. Die Ergebnisse der Volkszählung seien "ein weiterer klarer Hinweis darauf, dass auf dieser Insel ein historischer Wandel stattfindet und dass die Vielfalt der Gesellschaft uns alle bereichert".

Nordirland im Fokus des Brexit-Streits

Ob sich das Ergebnis auf den aktuellen Brexit-Streit bezüglich des Warenverkehrs zwischen Großbritannien und der Europäischen Union auswirken wird, ist indes fraglich. Beide Seiten hatten damals Sonderregeln vereinbart, um eine harte Grenze zwischen der Provinz und Irland zu verhindern. Die Folge waren aber Handelsprobleme zwischen Nordirland und Großbritannien.

Großbritannien will das Abkommen deshalb aufkündigen. Wie die Zeitung "Guardian" berichtete, will die britische Regierung den Konflikt bis April gelöst haben. Dann könnte US-Präsident Joe Biden, dessen Vorfahren teilweise Iren waren und der das britische Vorgehen scharf kritisiert, anlässlich des 25. Jahrestags des Karfreitagsabkommens zum Staatsbesuch ins Vereinigte Königreich reisen, hieß es.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 22. September 2022 um 17:00 Uhr in den Nachrichten.