Ehrengardist der Republik Moldau vor dem Regierungspalast. | picture alliance / Photoshot

Moldau und Transnistrien "Für Russland das Tor nach Europa"

Stand: 06.05.2022 15:25 Uhr

In der Republik Moldau wächst die Sorge, dass der Krieg aus dem Nachbarstaat Ukraine ins Land kommen könnte. Regierung und Bürger setzen auf leise Töne, Geflüchtete und der Kulturbetrieb auf Aktivismus.

Von Georg Restle, WDR, zurzeit Chisinau

"Ein Requiem für Butscha" steht auf dem Plakat, das vor dem Nationaltheater in Moldaus Hauptstadt Chisinau gerade aufgezogen wird. Es wirbt für eine Gedenkveranstaltung ukrainischer, moldawischer und rumänischer Poeten, die an die Gräueltaten des russischen Kriegs gegen die Ukraine erinnern will. Ausgerechnet am 9. Mai, dem Tag des Sieges über Nazi-Deutschland.

Georg Restle
"Ein Requiem für Butscha" steht auf dem Plakat für eine Veranstaltung des Nationaltheaters. | Georg Restle

"Ein Requiem für Butscha" steht auf dem Plakat für eine Veranstaltung des Nationaltheaters. Bild: Georg Restle

Es klingt nach einem eindeutigen Statement der Kulturszene dieses Landes, in dem so viele verschiedene Sprachen zu Hause sind - doch das Land ist durchaus gespalten in seiner Haltung zum Krieg, der nicht weit entfernt tobt: Nach Odessa sind es von Chinsinau gerade 180 Kilometer.

Auf dem Platz vor dem Nationaltheater spielen ältere Männer Schach, gesprächig sind sie nicht. Der Krieg im Nachbarland? Natürlich ein Thema, aber keines, über das man öffentlich sprechen wolle, schon gar nicht mit einem deutschen Fernsehteam. "Gehen Sie weg! Wir wollen hier spielen und nicht über die Ukraine reden!", ruft ein weißhaariger Mann mit Baseballkappe und beugt sich wieder über seine Schachfiguren. Auch die meisten anderen winken ab.

Unterstützer-Proteste für die Ukraine

Der über-70-jährige Valeriy erzählt dann doch: Er könne sich noch gut an den letzten Krieg in Moldau erinnern, als mehr als 1000 Menschen im Kampf um die abtrünnige Region Transnistrien starben, die seit Anfang der 1990er-Jahre von prorussischen Separatisten und sogenannten russischen Friedenstruppen beherrscht wird.

Man wolle nicht in diesen Krieg mit der Ukraine hineingezogen werden, sagt Valeriy: "Ich bete zu Gott, dass dieser Krieg nicht nach Moldau kommt." Viele würden jetzt die Neutralität des Landes in Gefahr sehen. Deshalb schweige man lieber.

Schachspieler auf dem Platz vor dem Mihai Eminescu Nationaltheater in Chisinau. | Georg Restle

Die Schachspieler auf dem Platz vor dem Mihai Eminescu Nationaltheater möchten am liebsten gar nichts über den Krieg in der Ukraine sagen. Bild: Georg Restle

Wachrütteln und hartnäckig bleiben

Ein paar Straßen weiter demonstrieren ein paar junge Menschen vor der russischen Botschaft - mit einem Hitler-Putin-Plakat in der Hand und einer Flagge Moldaus, die sie enthusiastisch hin und her schwenken.

Irina und ihre Freundinnen sind vor dem Krieg in der Ukraine nach Moldau geflohen. Sie stehe hier, um die Menschen wachzurütteln, sagt sie. Damit jedem klar werde, was Putin noch vorhabe in Europa: "Ich glaube nicht, dass Russland mit der Ukraine aufhören wird."

Autos fahren hupend an ihnen vorbei, die Fahrer winken aus den Fenstern. Jede Menge Zustimmung für die kleine Gruppe, die seit Anfang März hier Tag für Tag demonstriert. Sie wollten so lange hier protestieren, bis dieser Krieg endlich vorbei sei und die Ukraine gesiegt habe, sagt Irina - auch wenn sie wisse, dass das noch sehr lange dauern könne.

"Sieg für die gesamte demokratische Welt"

Die Unruhe wächst, seit Ende April mehrere Explosionen Transnistrien erschütterten. Selbst wenn sich bisher niemand dazu bekannt hat, vermuten viele im Land Russland hinter den Anschlägen. Das seien "gezielte russische Provokationen von Moskaus fünfter Kolonne, um Unruhe zu stiften", sagt Oazu Nantoi, Parlamentarier und einer der führenden politischen Analysten des Landes.

Auch er glaubt: "Russland wird nicht an der anderen Seite des Flusses aufhören" - und weigert sich, diesen Landesteil Moldaus Transnistrien zu nennen. "Man muss ja nur auf die Landkarte schauen, dann sieht man doch, was Moldau blüht". Nantoi sagt, er hoffe auf einen Sieg der Ukraine - denn der sei "ein Sieg für die gesamte demokratische Welt".

Karte: Republik Moldau mit Transnistrien

"Wir sind alle miteinander verwandt"

Ähnlich klingt es in den kleinen Orten am Ufer des Dnjestr, der die Grenze zu Transnistrien markiert. Russland wolle Moldau destabilisieren, sagt Victor Urito aus Ustica. Er ist Geschichtslehrer und pendelt mit seinem Fahrrad regelmäßig zwischen den beiden Landesteilen diesseits und jenseits des Flusses.

Gerade hat er in Transnistrien ein paar Einkäufe gemacht. "Wir haben hier keinen ethnischen oder religiösen Konflikt. Wir sind doch alle miteinander verwandt", sagt Urito. "Und egal welche Sprache wir sprechen, ob Russisch, Ukrainisch oder Rumänisch. Wir kommen gut aus miteinander." Es sei die Politik, die diesen Konflikt schüre - zulasten der Menschen. Auch wenn er Russland nicht ausdrücklich nennt, ist klar, wen er meint.

Die Drohungen russischer Generäle, dass Moldau eines der nächsten Ziele Moskaus sein könne, haben hier in Ustica fast alle vernommen. "Erst nehmen sie sich Odessa, dann Moldau und dann stellen sie alte Sowjetunion wieder her. Moldau ist für Russland das Tor nach Europa", sagt Viktors Freund Ciprian und drückt damit die Ängste vieler aus, die hier im Land leben.

Will Moskau einen langen Korridor errichten?

An der Grenze zur Ukraine im Osten des Landes ist Odessa nur einen Katzensprung entfernt. Sollte Odessa fallen, wäre der Weg für die russische Armee nicht mehr weit bis nach Transnistrien - dann könnte Russland von der Krim über die Schwarzmeerküste bis weit hinein in den Südwesten der Ukraine einen Korridor errichten.

Nicht nur in Moldau gehen viele davon aus, dass Russland genau diese Strategie verfolgt. Damit wäre der kleine Staat, der über keine funktionstüchtige Armee verfügt, direkt in den Krieg involviert und könnte wohl kaum Gegenwehr leisten gegen eine übermächtige russische Armee.

Regierung hält sich bewusst bedeckt

Auch aus diesem Grund hält sich die proeuropäische Regierung des Landes eher bedeckt und versucht offenbar jede Äußerung zu vermeiden, die Russland als Provokation werten könnte. Moldaus Außenminister Nicu Popescu bekennt sich zwar deutlich zum Beitrittswunsch seines Landes in die EU. Zu den Anschlägen in Transnistrien antwortet er eher ausweichend: "Der Krieg in der Ukraine betrifft ganz Europa, und Moldau ist ein Teil davon."

Man sei auf alle Bedrohungen vorbereitet, aber er glaube nicht, dass die Republik Moldau jetzt unmittelbar bedroht sei, auch wenn die Nervosität zunehme. "Unsere Institutionen tun alles, um unser Land auf die zunehmend instabile Situation vorzubereiten." Dabei sei man auf die Unterstützung der EU angewiesen.

Abhängig vom russischen Gas

Auch Staatspräsidentin Maja Sandu betont die Bedeutung der EU für die Republik Moldau: Ökonomisch sei das Land durch den Krieg hart getroffen, weil man dadurch den Zugang zu den Märkten in Russland, Belarus und der Ukraine verloren habe, sagte sie diese Woche beim Besuch des EU-Ratspräsidenten Charles Michel in Chisinau. Außerdem kommen 100 Prozent der Gasimporte aus Russland.

Deshalb setze man auf eine weitere Öffnung des europäischen Marktes für Produkte aus Moldau: "Wir haben den Weg der europäischen Integration beschritten, um die Sicherheit und die Demokratie in diesem Land zu stärken", sagte Sandu auf der gemeinsamen Pressekonferenz - und kam auf Nachfrage dann doch noch auf die Anschläge in Transnistrien zu sprechen: Diese "Vorfälle" seien genauso "besorgniserregend" wie die jüngsten Drohungen russischer Generäle, bis auf das Gebiet Transnistrien vorzudringen. Deshalb müsse der Krieg in der Ukraine dringend gestoppt werden.

Maja Sandu und Charles Michel | AFP

Die Republik Moldau hofft auf die EU - darüber sprach Staatoberhaupt Sandu mit Ratspräsident Michel Bild: AFP

Auch Geflüchtete haben Angst

Am Grenzübergang in Palanca im äußersten Osten des Landes trafen zu Beginn des Krieges Tausende Menschen täglich ein. Heute sind es noch immer Hunderte pro Tag. Kein europäisches Land hat pro Kopf mehr Flüchtende aus der Ukraine aufgenommen als Moldawien.

Die Zelte im Flüchtlingscamp sind mittlerweile zwar so gut wie leer, aber man bereitet sich auf einen neuen Ansturm vor, sollte Russland Odessa massiver angreifen als bisher. Unter den Geflüchteten wächst die Angst - deshalb wollen die meisten so schnell wie möglich weiter Richtung Rumänien, Deutschland oder Italien.

Irina ist mit ihrem 13-jährigen Sohn Ilya in Palanca geblieben. Eine moldawische Familie hat sie aufgenommen. Sie will erst einmal hierbleiben, weil sie sich hier ihrer Heimat näher fühle, sagt sie. Aber auch sie macht sich große Sorgen: "Hoffentlich sind das nur leere Drohungen, dass Moldawien ausgelöscht wird", sagt sie und fügt hinzu: "Ich hoffe nicht, dass die Menschen in Moldawien das erleiden müssen, was wir erlitten haben. Das wäre wirklich schrecklich."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. Mai 2022 um 22:15 Uhr.