Ein Schild mit der Aufforderung einen 2G-Nachweis bereitzuhalten.  | picture alliance/dpa/APA

Lockdown in Österreich "Das ist eine sehr schwierige Situation"

Stand: 15.11.2021 12:40 Uhr

Ungeimpfte dürfen in Österreich ab sofort nur noch mit triftigem Grund ihre Wohnung verlassen. Und die Maßnahmen könnten sogar noch verschärft werden - auch Geimpften drohen Ausgangsbeschränkungen.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Friseur Reemon Paulus föhnt gerade einem Kunden die Haare zurecht. Und ist genervt: "Man kann das nicht mehr Maßnahmen nennen. Das ist einfach eine sehr schwierige Situation - Katastrophe eigentlich."

Srdjan Govedarica ARD-Studio Wien

Bereits seit Anfang November bekommt man in Österreich nur mit einem 2G-Nachweis den Zutritt zu vielen Dienstleistungen - das gilt auch für Friseure. Nun der Lockdown für Ungeimpfte. Die Kunden von Reemon Paulus blicken nicht mehr durch, sagt er: "Ich muss den Kunden am Telefon erklären: 'Nein, Sie kriegen keinen Termin, weil sie nicht geimpft oder genesen sind.'"

Strenge Kontrollen angekündigt

Rund zwei Millionen Menschen ohne 2G-Nachweis dürfen seit Mitternacht ihre Wohnung nur aus bestimmten Gründen verlassen, also etwa für notwendige Einkäufe, die Arbeit und Ausbildung oder für körperliche und psychische Erholung. Ausnahmen gibt es für schulpflichtige Kinder bis 15, die mit dem sogenannten Ninja-Pass regelmäßige Tests in der Schule nachweisen können. Erstgeimpfte können sich mit einem PCR-Test freitesten.

Die Maßnahme gilt vorerst bis zum 24. November und wird streng kontrolliert, sagt Harald Sörös vom Innenministerium: "Wir werden speziell dort kontrollieren, wo wir einerseits Übertretungen erwarten, andererseits festgestellt haben, dass sich sehr viele Menschen auf engem Raum befinden: An öffentlichen Orten, auch in der Gastronomie und bei Veranstaltungen."

Experten: Kontakte um 30 Prozent reduzieren

Die Ausgangsbeschränkungen kommen bei den Menschen in Österreich unterschiedlich an - zum Beispiel in Linz: "Nein, ich lasse mich nicht impfen. Zum Spazieren gehe ich fort, das darf man eh. Ich nehm's so wie es ist", sagt der eine. Und die andere: "Ich verstehe die Argumente nicht mehr, wenn jemand sagt: 'Nein, ich warte noch, ich schau mal.' In der Situation, wie wir sie jetzt haben, kann ich nicht mehr warten. Es geht um die Gemeinschaft."

Experten gehen davon aus, dass sich die aktuelle Infektionswelle nur mit einer Kontaktreduktion von 30 Prozent erreichen lässt. Und dass sich das mit Ausgangsbeschränkungen nur für Ungeimpfte schwer erreichen lässt.

Verschärfungen auch für Geimpfte?

Am Sonntagabend kündigte Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein im ORF deswegen Verschärfungen auch für Geimpfte an: "Es wird auch für geimpfte Menschen nächtliche Ausgangsbeschränkungen geben. Das ist Teil des Maßnahmenpakets, das am Tisch liegt. Wir sitzen alle im selben Boot, wir haben Intensivstationen für alle. Wenn wir verhindern wollen, dass wir in einen Lockdown für alle gehen, dann brauchen wir eine Kontaktreduktion."

Dem Vernehmen nach wollte der grüne Gesundheitsminister Mückstein bereits am Sonntag bei einer Videokonferenz der Regierung mit den Landeshauptleuten schärfere Maßnahmen, konnte sich aber nicht gegen die ÖVP und Bundeskanzler Alexander Schallenberg durchsetzen.

Dieser bleibt auch am Montag dabei und lehnt im ORF nächtliche Ausgangssperren für alle ab: "Natürlich werden wir die Lage laufend beobachten und natürlich schließe ich nicht aus, dass wir nachschärfen. Aber wir haben eine Reihe von anderen Stellschrauben: FFP2-Masken, Homeoffice, dass man bei Veranstaltungen 2G plus PCR-Test macht. Aber ganz ehrlich, dass wir noch einmal an die Nachtgastronomie gehen - das sehe ich derzeit nicht."

Fast täglich neue Höchststände

Bei den Neuinfektionen werden in Österreich fast täglich Rekorde verzeichnet. Eine Entspannung der Infektionslage zeichnet sich nicht ab. Dass sich die Regierung offensichtlich uneinig ist, mit welchen Maßnahmen es nun weitergeht, kann der Wiener Friseur Paulus nicht nachvollziehen: "Man kennt sich einfach nicht mehr aus, man weiß nicht, was passieren wird. Und sobald wir uns danach richten und uns ein bisschen auskennen, dann wird am nächsten Tag wieder etwas Neues angehängt."

Über dieses Thema berichtete am 15. November 2021 NDR Info um 09:05 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.