Grenzschützer kontrollieren die Grenze zwischen Litauen und Belarus | AP

Flüchtlinge in Litauen Eine Racheaktion von Lukaschenko?

Stand: 16.07.2021 04:43 Uhr

Litauen registriert einen starken Anstieg illegaler Grenzübertritte. Für Ministerpräsidentin Simonyte ist das kein Zufall - sie wirft dem Nachbarland Belarus vor, die Menschen absichtlich über die Grenze zu schicken.

Von Christian Blenker, ARD-Studio Stockholm

Vydeniai ist eigentlich ein verschlafenes Nest im Südosten Litauens. 400 Menschen leben hier, nur wenige Kilometer von der EU-Außengrenze entfernt. Doch seit Tagen herrscht unter den Einheimischen Unruhe. 150 Geflüchtete sind über die Grenze gekommen und haben in der Dorfschule eine provisorische Unterkunft gefunden. "Das hat uns alle überrascht", erzählt uns ein Dorfbewohner. "Diejenigen, die in der Nähe der Schule wohnen sind beunruhigt."

Christian Blenker ARD-Studio Stockholm

Die Migranten im Dorf kommen aus Zentral- und Westafrika. Einige von ihnen verstehen russisch. Die Grenzregion gehört nicht zu den klassischen Flüchtlingsrouten. Warum ausgerechnet jetzt so viele aus Belarus kommen, sagen sie nicht. Nur so viel, dass sie im Westen studieren wollen. "Wir haben nichts mit Migranten aus den anderen Ländern zu tun", beteuert einer von ihnen. "Wir sind Studenten und wir sind hierhin gekommen, weil wir nicht in Belarus bleiben konnten."

Kontrollen an der Grenze zwischen Litauen und Belarus | AP

Litauen hat seine Grenzkontrollen verstärkt und verdächtigt das Nachbarland Belarus, die Flüchtlinge gezielt über die Grenze zu lassen. Bild: AP

Einfacher Grenzübertritt

Knapp 680 Kilometer lang ist die Grenze zwischen Litauen und Belarus, die Migranten laufen an ungeschützten Stellen einfach herüber. Insgesamt sind es laut den litauischen Behörden mittlerweile mehr als 1700, die illegal über die belarussische Grenze gekommen seien. Als Reaktion wurde der Notstand ausgerufen und die Grenze vielerorts mit Stacheldraht verstärkt.

Die Regierung in Vilnius vermutet, dass das Nachbarland Belarus die Migranten absichtlich Richtung EU schickt. "Das ist eine beabsichtigte Attacke, mit dem Ziel, politische Spannungen im Land zu provozieren und logistische Probleme zu verursachen", sagt Litauens Ministerpräsidentin Ingrida Simonyte im Interview mit dem ARD-Studio Stockholm. "Litauen und die gesamte EU sollen bestraft werden, weil sie die manipulierten Wahlen 2020 und Machthaber Alexander Lukaschenko nicht als Sieger anerkannt haben."

Helfer verteilen Hilfsgüter an Flüchtlinge in Verebiejai (Litauen) | dpa

Litauen hat den Notstand ausgerufen, und jede Hilfe für die Flüchtlinge ist willkommen, auch in dem Ort Verebiejai. Bild: dpa

Hilfe vor Ort

Um die Dorfschule von Vydeniai haben sie mittlerweile einen Zaun errichtet. Einige Geflüchtete sind positiv auf das Corona-Virus getestet worden. Die Polizei hat aus den Nachbarorten Verstärkung angefordert und bittet um weitere Unterstützung. "Wir brauchen auch Kleidung, Hygieneartikel", so Renatas Vitkauskas, der Polizeichef im Bezirk. "Nun wird alles auf Kosten der Stadtverwaltung gekauft, und das ist teurer." Die Gemeindevorsitzende Gene Ramaskiene schaut mehrmals täglich nach dem Rechten. Nach der Aufregung der ersten Tage hätten nun viele Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner begonnen, den Menschen zu helfen. "Wir müssen viele Probleme lösen. Die Wasserversorgung etwa. Für manche müssen wir auch Medikamente, Schuhe oder anderes besorgen."

Wie lange die Geflüchteten in Vydeniai bleiben, ist ungewiss. Mit einer eiligen Gesetzesänderung will Litauen nun ihre Asylverfahren beschleunigen und prüft, ob sie wieder in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden können.

 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. Juli 2021 um 12:00 Uhr.