Der inhaftierte Aktivist Osman Kavala (undatiertes Bild) | AFP

Streit um türkischen Kulturmäzen Was macht Kavala zu Erdogans Feind?

Stand: 25.10.2021 16:42 Uhr

Der Streit zwischen dem türkischen Präsidenten Erdogan und den Botschaftern hat sich an Osman Kavala entzündet. Die Botschafter fordern die Freilassung des Kulturmäzens. Warum ist er überhaupt in Haft?

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Yavuz Özkaya sitzt in Ankara an seinem Schreibtisch und schüttelt den Kopf. Auf die Frage, warum Osman Kavala schon so lange im Gefängnis sitzt, antwortet er: "Ich habe einfach keine Ahnung. Er war in der Öffentlichkeit nicht so bekannt. Und er ist auch kein Politiker. Er macht einfach nur seine Projekte. Wir haben einfach keine Ahnung."

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Özkaya ist Architekt und arbeitete viele Jahre lang mit Osman Kavala. Im Osten der Türkei, in Ani zum Beispiel, restaurierten sie historische armenische Gebäude - ein Projekt, in das auch das türkische Kulturministerium eingebunden war. Mitarbeiter des Ministeriums hätten sich sehr betroffen gezeigt, als Kavala im Herbst 2017 festgenommen wurde, erzählt Özkaya.

Ihr Chef, Präsident Recep Tayyip Erdogan, erklärte Kavala dagegen zu seinem besonderen Feind. Der Kulturmäzen sei an Putschplänen beteiligt gewesen, so Erdogan: "Jemand, der während der Gezi-Park-Proteste Finanzquelle der Terroristen war, sitzt momentan im Gefängnis. Warum sollte unsere Justiz mir nichts, dir nichts einen Unschuldigen verhaften, jemanden, der nichts verbrochen hat?"

Mercator-Stiftung steht weiter zu Kavala

Anne Duncker verzweifelt fast bei solchen Vorwürfen. Sie lernte den großen schlanken Mann mit den grauen Locken schon vor über 20 Jahren nach dem großen Erdbeben bei Istanbul kennen, als sie beide den Opfern halfen. Inzwischen arbeitet sie für die deutsche Mercator-Stiftung, die ebenfalls gemeinsame Projekte mit dem 64-Jährigen umsetzte. Duncker sagt über Kavala: "Er ist die Ruhe selbst, auf Ausgleich bedacht und überhaupt nicht jemand, der politisch agitiert oder versucht, durch Aggressivität etwas zu erreichen."

In der Anklageschrift für den ersten Prozess tauchte nicht nur das deutsche Goethe-Institut in Istanbul auf, sondern auch die Mercator- Stiftung. "Die Vorwürfe, die generell erhoben wurden gegen deutsche Stiftungen und Kulturmittler, dass wir Einfluss nehmen wollten auf die Gezi-Proteste damals, ist schlichtweg falsch", sagt Duncker.

Kavala immer noch in Haft

Mercator steht trotz seiner Inhaftierung weiter zu Kavala. Einige andere Partner hätten sich aber zurückgezogen, erzählt Asena Günal, seine engste Mitarbeiterin. Im Februar vergangenen Jahres sprach ein Istanbuler Gericht den Kulturmäzen frei. Günal wartete mit anderen Freunden in der Nähe des Gefängnisses. Er kam nicht. Wegen neuer Ermittlungen wurde er sofort wieder festgenommen.

"Das ist Folter, das ist kalkulierte Grausamkeit", sagt Günal. "Und ich weiß nicht, wann er frei kommt. Ich sehe eigentlich nur noch eine Chance, wenn die Regierung abgewählt wird."

Frist vom Europarat bis Ende November

Kavalas Fall ist ein Paradebeispiel für die Willkür der türkischen Justiz unter dem Einfluss der Politik, sagen Kritiker. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte forderte im Mai letzten Jahres noch mal sehr klar: die Türkei müsse Kavala sofort freilassen. Die ignoriert das bis heute. Der Europarat, zu dem der Gerichtshof gehört, setzte ihr deshalb eine Frist bis Ende November.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Schwabe sitzt auch im Europarat. Er erklärt dazu:

Wenn wir vielleicht vorher fünf vor zwölf waren, dann sind wir vielleicht ein paar Sekunden vor zwölf. Es ist am Ende eine Frage der Glaubwürdigkeit der gesamten Institution. Und wenn dann die Türkei klar sagt, wir setzen das Gerichtsurteil nicht um, dann droht der Türkei jetzt der Rauswurf aus dem Europarat.

Kavalas Prozess wurde vertragt auf den 26. November, also kurz bevor die Frist des Europarates ausläuft. Schwabe sagt dazu: "Aus meiner Sicht ist dann eben dieses Gerichtsverfahren die letzte Abbiegung, die die Türkei nehmen kann, um dieses Ausschlussverfahren abzuwenden. Und deswegen ist die dringende Erwartungshaltung, dass Kavala spätestens am 26. November in Freiheit gesetzt wird."

Dessen Freunde machen sich Sorgen. Kavala treibt seine Projekte zwar über kleine Notizen aus dem Gefängnis heraus weiter voran, stößt sogar Neue an. Und trotzdem sagt Yavuz Özkaya, der Architekt aus Ankara: "Wir vermissen ihn sehr."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 25. Oktober 2021 um 13:05 Uhr.