Britische Zeitungen am 13.01.2022 zeigen Johnson und Schlagzeilen zur Lockdown-Gartenparty. | EPA

Empörung über Gartenparty Johnson stolpert von Skandal zu Skandal

Stand: 13.01.2022 15:28 Uhr

Hat der ewig lockere britische Premier das Gespür dafür verloren, was er sich leisten darf? Viele Briten nehmen Boris Johnson die Entschuldigung für seine Lockdown-Gartenparty nicht ab - selbst Parteifreunde gehen auf Distanz.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Douglas Ross als "Leichtgewicht" zu bezeichnen ist schon eine Frechheit: Der Politiker ist Vorsitzender der Schottischen Konservativen Partei, sitzt im Unterhaus und im Schottischen Regionalparlament. In Deutschland würde man seine Rolle vielleicht als Vorsitzender der Landesgruppe bezeichnen. Dass der ultrakonservative Tory Jacob Rees-Mogg ihn als Leichtgewicht titulierte, war die Quittung für Ross' deutliche Worte für Premier Boris Johnson: Der sei als Vorsitzender der Konservativen Partei und als Premierminister nicht mehr tragbar, sagte Ross, nachdem Johnson im Unterhaus zwar die Worte "Entschuldigung" verwendet hatte, seine Sätze aber so gar nicht nach einer Entschuldigung klangen.

Christoph Prössl ARD-Studio London

Johnson gab zu, dass er am 20. Mai 2020 auf der Gartenparty im Regierungssitz war, machte aber auch deutlich, dass er davon ausgegangen war, die Zusammenkunft im Garten von Downing Street Nummer 10 sei ein Arbeitstreffen gewesen. Ross und seine deutliche Stellungnahme zu diesen Vorgängen ist bemerkenswert und symptomatisch zugleich für die Konservativen: In der Partei gehen immer mehr Abgeordnete auf Distanz zu Johnson. Der Streit um den Parteivorsitzenden innerhalb der Konservativen Partei ist in aller Heftigkeit in der Öffentlichkeit angekommen.

Arroganz treibt Landesteile auseinander

In dem Schlagabtausch zwischen Ross und Rees-Mogg zeigt sich zugleich die ganze Arroganz der Londoner Macht: Schottland ist für viele Abgeordnete sehr weit weg - nicht nur geographisch. Das Land hat eine gewisse Unabhängigkeit, ein eigenes Regionalparlament und eine Partei, die Schottische Nationalpartei, die für die Unabhängigkeit kämpft und mit 48 Abgeordneten im Unterhaus vertreten ist. Dem Vorsitzenden der Konservativen aus Schottland also zu sagen, er sei ein Leichtgewicht, ist genau die Arroganz, die den Keil in die Union aus England, Schottland, Wales und Nordirland tiefer treibt.

Aber auch andere Abgeordnete der Tories wenden sich ab - wenngleich weniger lautstark. Die Angst geht um in der Partei, dass Johnson, der mit seiner lockeren Art und dem unkonventionellen Auftritt so viele Stimmen holen konnte, nun das politische Gespür verloren hat und von Skandal zu Skandal stolpert.

In den Umfragen liegt inzwischen Labour vorne. In den Medien sprechen Betroffene darüber, dass sie ihre Angehörigen im Mai 2020 nicht im Krankenhaus besuchen durften, aber gleichzeitig in Downing Street Nummer 10 Partys gefeiert wurden.

Späte Unterstützungsrufe von Getreuen

Die Reihe derer, die hinter Boris Johnson stehen, ist noch halbwegs geschlossen. Liz Truss, die Außenministerin, die auch als Nachfolgerin gehandelt wird, verteidigt Johnson in ihren Tweets genauso wie Priti Patel, die Innenministerin und Hardlinerin, wenn es um Asylpolitik und Grenzschutz geht.

Rishi Sunak hingegen, der beliebte Finanzminister, war gestern nicht im Unterhaus. Er saß nicht hinter Johnson, wo er sonst schon mal zustimmend nickt, wenn der Premierminister in der Debatte Unterstützung braucht. Sunak hatte einen Termin bei einer Firma, die im pharmazeutischen Bereich tätig ist und die Investitionen und Jobs angekündigt haben.

Stunden nach der Debatte schrieb Sunak auf Twitter, Johnson habe alles richtig gemacht, sich zu entschuldigen, nun gelte es auf den Abschlussbericht der Untersuchung zu warten. Eine tatkräftige Unterstützung sieht anders aus. Viele sehen diese Zurückhaltung als Beleg dafür, dass Sunak möglicherweise auf den richtigen Moment wartet, den Premier abzulösen.

In der kommenden Woche will Sue Gray, eine Regierungsbeamte, den Abschlussbericht über die Parties vorlegen. Darüber, was dieser Bericht an neuen Erkenntnissen bringen soll, wird jetzt schon gewitzelt - die Beweise sind erdrückend. In einem Einladungsschreiben, aus dem der Sender ITV zitierte, hieß es: "Lasst uns das Beste aus diesem schönen Tag machen" und "bringt Eure eigenen Getränke mit". Nach einem Arbeitstreffen klingt das so gar nicht.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Januar 2022 um 14:22 Uhr.