António Guterres | REUTERS

Guterres in Moskau und Kiew Großer Durchbruch unwahrscheinlich

Stand: 25.04.2022 02:16 Uhr

Mit Reisen nach Moskau und Kiew verstärkt UN-Generalsekretär Guterres seine Bemühungen um Frieden in der Ukraine. Die kurzfristigen Erfolgsaussichten sind gering - die Hoffnungen sind eher langfristiger Natur.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Für den UN-Chef könnte es die wichtigste Reise seiner Amtszeit werden - auch, wenn niemand bei den Vereinten Nationen erwartet, dass António Guterres bei seinen Gesprächen in Russland und der Ukraine Wunder vollbringt.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Wichtigstes Ziel: Waffenruhe

Sein erklärtes Ziel sei es, eine Waffenruhe zu erreichen, sagte die Sprecherin des Generalsekretärs, Eri Kaneko. "Wie er in seinen Briefen an beide Präsidenten geschrieben hat: Er hofft vordringlich darauf darüber zu reden, wie Frieden in der Ukraine herbeigeführt werden kann."

Auf seinem Weg stoppt Guterres in der Türkei, um Präsident Recep Tayyip Erdogan zu sprechen - er gilt derzeit als einer der vielversprechendsten Vermittler in dem Konflikt. Am Dienstag wird der UN-Chef Präsident Wladimir Putin im Kreml treffen, bevor er am Donnerstag den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj besucht.

Guterres hat betont: Dieser Vorstoß sei nicht der Beginn einer offiziellen Vermittlungsrunde. Vergeblich hatte er im Vorfeld eine Waffenruhe über das orthodoxe Osterfest gefordert. "Der Generalsekretär ist nicht so sehr enttäuscht darüber, dass sein persönlicher Aufruf nicht erhört wurde", sagte Kaneko, "sondern darüber, dass es keine Waffenruhe gibt, dass Zivilisten nicht aus besetzten Städten flüchten können und darüber, dass die humanitäre Hilfe der UN nicht dorthin gelangen kann."

Russland und Ukraine warten nicht auf UN

Auf beiden Punkten liegt sein Fokus. Unwahrscheinlich, dass Guterres auf seiner Reise einen ganz großen Durchbruch erlangt, schätzt der UN-Experte vom Thinktank Crisis Group, Richard Gowan. "Aber es ist unglaublich wichtig, dass die Vereinten Nationen weiter ausloten, ob es irgendeine Chance gibt, Frieden in der Ukraine herbeizuführen." Daher sei es "wichtig und gut", dass Guterres nach Moskau und Kiew reist. "Die positiven Auswirkungen mögen sich nicht in den nächsten Wochen zeigen. Aber durch diese Reise könnten die UN, solche Friedensgespräche anstoßen."

Es gilt allein schon als überraschend, dass Putin den UN-Chef empfängt. Guterres hatte sich seit der Invasion mehrfach ungewöhnlich scharf gegen Moskau ausgesprochen. "Die Realität ist, dass beide - die Ukrainer und die Russen - immer noch glauben, dass sie diesen Krieg am Boden gewinnen können", erklärt Gowan. "Sie warten nicht darauf, dass die Vereinten Nationen vermitteln."

Was nicht ausschließe, dass dieser Prozess losgehen könne, wenn die Kämpfe irgendwann zum Stillstand gekommen sind. Guterres sollte erwägen, nach einer zusätzlichen Reise in die umkämpfte Hafenstadt Mariupol zu fragen, um sich ein Bild zu machen und möglicherweise die Abreise von Zivilisten aus der Stadt zu erleichtern, sagt Gowan. "Wir glauben, dass rund 100.000 Zivilisten unter schlimmsten Bedingungen in Mariupol ausharren. Es ist wichtig, dass sie die Stadt verlassen dürfen. Vielleicht sollte das der Hauptfokus sein, wenn der Generalsekretär mit Putin spricht."

Ausweg aus der politischen Ohnmacht?

Viele Diplomaten in New York sagen: Die Reise könnte den UN-Chef aus seiner politischen Ohnmacht in diesem Krieg befreien. Für sie kommt der Schritt viel zu spät. Vor seiner Ankündigung hatte eine Gruppe von über 200 ehemaligen UN Diplomaten  einen offenen Brief verfasst. Darin forderten sie Guterres auf, endlich mehr politisches Engagement zu zeigen. Auch, um die Daseinsberechtigung der Vereinten Nationen nicht zu gefährden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 25. April 2022 um 07:12 Uhr.