Queen Elzabeth II. | picture alliance/dpa
Interview

Das Erbe von Königin Elizabeth II. "Monarchie heute gefestigter denn je"

Stand: 09.09.2022 16:28 Uhr

Königin Elizabeth II. hat der britischen Monarchie und ihrem Land über Jahrzehnte Stabilität verliehen, sagt der Biograph Kielinger im Interview. Den neuen König Charles III. hält er für mehr als nur einen Übergangsmonarchen.

tagesschau.de: In Großbritannien, aber auch weltweit ist die Trauer um die verstorbene Queen Elizabeth II. groß. Worin liegt das Geheimnis der Zuneigung, die ihr nicht erst im Ableben zuteil wird?

Thomas Kielinger: Diese weltweite Zuneigung hat einen ganz sachlichen Grund. Die britische Monarchie ist eine weltweite Institution, ein "global player". In 14 Staaten außerhalb Großbritanniens ist die Queen ebenfalls Staatsoberhaupt. Diese weltweite Ausstrahlung muss man ernst nehmen, wenn die Seriosität der britischen Monarchie verstehen will.

Hinzu kommt die Person der Queen. Sie war 70 Jahre auf dem Thron, eine unerreichte Dauer, nur übertroffen von Ludwig XIV., der 72 Jahren regierte - aber schon mit vier Jahren König geworden war. Die Stabilität und Kontinuität dieser Frau zusammen mit der Ausstrahlung einer internationalen Institution hat viel dazu beigetragen, dass Anteilnahme an ihrem Tod weltweit so groß ist.

Thomas Kielinger | Verlag C.H. Beck
Zur Person

Thomas Kielinger berichtete viele Jahre für "Die Welt" aus London. Er verfasste zahlreiche Bücher über Großbritannien, unter anderem die vielbeachtete Queen-Biographie "Elizabeth II. - Das Leben der Queen".

Ein lebenslanges Versprechen

tagesschau.de: Hängt das auch mit ihrer Persönlichkeit zusammen?

Kielinger: Elizabeth II. war nicht nur zufällig ihrer Aufgabe ergeben. Mit 21 Jahren hat sie in einer berühmten Radioansprache in Kapstadt 1947 versprochen: "Ob mein Leben lang dauert oder kurz ist, ich werde es immer dem Dienst an der großen Familie, der wir alle angehören, widmen" - und dieses Versprechen hat sie bis zu ihrem Tode eingehalten.

Sie hat zuletzt dem Leben noch ein paar Tage abgerungen, um ihrem Land einen Dienst zu erweisen, den nur die Queen absolvieren kann: einen alten Premierminister zu entlassen und neue Premierministerin zu ernennen. Zwei Tage danach ist sie gestorben. Das ist ein Triumph eines Lebens, das der Treue an die Aufgabe gewidmet war.

Über dem Hin und Her der Gegenwart

tagesschau.de: Sieben Jahrzehnte als Staatsoberhaupt bedeuten auch: Mochten sich die Zeiten noch so sehr ändern, die Queen war immer da.

Kielinger: Das ist wichtig für die Briten als Nation, die jetzt eine große Instabilität durchleben: den vierten Premierminister in sechs Jahren, die ungeordnete Zukunft des Brexits und alle anderen Krisen, denen sie - wie auch wir - gegenüberstehen.

Da ist es ein Geschenk des Himmels, eine Institution zu haben, die über dem Hin und Her der turbulenten Gegenwart thront, als eine beruhigende Verfasstheit, wo der Monarch neutral zu sein hat, sich nicht einmischt in die politischen Debatten, sondern dem ganzen Land dient.

Großbritannien hat eine solche Institution in seiner jetzigen Unruhe bitter nötig. Die britische Monarchie ist immerhin mehr als tausend Jahre alt. Das muss man erst mal nachmachen. Ich glaube, die Briten sind auf lange Zeit mit der Idee der Monarchie verheiratet, sie werden sehr lange nicht davon ablassen, nicht mehr in meiner Lebenszeit. Da bin ich ganz sicher.

Mehr Erfahrung als die meisten Premierminister

tagesschau.de: Die Queen ist formell ohne politische Macht. Dennoch ist sie erkennbar mit Einfluss versehen. Wie hat sie diesen Einfluss genutzt?

Kielinger: Sie hat ihn genutzt, indem sie von Mal zu Mal den wechselnden Premierministern mit Rat und Mahnung zur Seite stand. Die Politik muss die Monarchin informieren, sie wiederum darf vor bestimmten Entwicklungen mahnen, aber alles hinter den Kulissen. Das meiste bleibt vertraulich, aber wir wissen, dass sie vor acht Jahren bei dem Referendum in Schottland schon vorher wissen ließ, wie besorgt sie war, dass die Schotten die Unabhängigkeit wählen könnten.

Die Queen hatte aufgrund ihrer immensen Erfahrung weitaus mehr Einfluss als die jeweiligen Regierungschefs, die meistens nur ein paar Jahre im Amt sind, während sie eben seit 70 Jahren kontinuierlich Erfahrung mit den Weltläufen hatte. Das gibt ihr natürlich ein Gewicht, das man kaum bemessen kann.

Offen für Anpassungen

tagesschau.de: Welche Momente werden als die prägenden Ereignisse ihrer Amtszeit in Erinnerung bleiben?

Kielinger: Es gab so viele Momente, in denen sie ihre Frau stand - auch während der Pandemie, als sie zweimal in Fernsehansprachen die Nation ihres Mitgefühls versicherte. Und dann natürlich die letzten beiden Tage vor ihrem Tod, die geradezu von magischer Ausstrahlung waren.

Sie hat sich modernisiert, ist mit der Zeit gegangen. Sie ist während der Olympischen Spiele in London virtuell mit dem James-Bond-Darsteller ins Olympiastadion gesprungen. Sie war immer zu haben für kleine Anpassungen der traditionellen Etikettenhaftigkeit des Hofes. Auch das gehört zu ihren Leistungen. Sie hat sich nicht auf einer traditionellen Interpretation des Königshauses ausgeruht, sondern hat es lebendig gehalten und mit jeder Krise, die auf sie zukam, gelernt.

Monarchie "gefestigter denn je"

tagesschau.de: Hat die Queen die Monarchie verändert?

Kielinger: Sie hat einige Höhen und Tiefen erlebt, nicht zuletzt vor 25 Jahren, als Prinzessin Diana starb. Damals sah es so aus, als wäre die Monarchie gefährdet und habe keine Zukunft mehr. Aber sie hat sich davon wieder erholt. Und so hat die Queen über die Zeit hinweg die Monarchie stabilisiert und noch einmal im Selbstverständnis der britischen Identität verankert. Die Institution Monarchie ist heute gefestigter denn je.

Unterstützung für Unabhängigkeitsbewegungen

tagesschau.de: Welchen Einfluss wird das Ableben der Queen auf den Commonwealth haben?

Kielinger: Der Commonwealth als Staatengemeinschaft der anglophonen und anglophilen Welt ist durch Elizabeth stark gefördert worden. Sie hat früh die Befreiungsbewegungen in Afrika, als die ehemaligen Kolonien in die Unabhängigkeit gingen, unterstützt. Da war die Queen Elizabeth II. ein modernes Staatsoberhaupt, und diese Leistung wird später mal als große Leistungen der Geschichte anerkannt werden.

Beim Commonwealth muss man wissen: Wenn ein Land sich gegen die Queen und für einen eigenes Staatsoberhaupt entscheidet - wie kürzlich Barbados -, bleibt das Land dennoch Mitglied des Commonwealth. Die Queen hat immer wissen lassen, dass die britische Monarchie solchen Entscheidungen nicht im Wege steht.

"Warum sollte die königliche Familie tugendhafter sein"?

tagesschau.de: Wenn man insbesondere auf ihre Kinder schaut, fällt der Rückblick doch vielleicht zwiespältiger aus.

Kielinger: Man kann die Monarchie in Großbritannien auf zwei Arten interpretieren. Ich spreche, wenn es um die Monarchie geht, nur vom britischen Thron. Das ist das Urmeter, die Partitur, nach der dieses Land Geschichte erlebt hat. Bei Aufführungen der Partitur, in der königlichen Familie, kann es drunter und drüber gehen. Wir haben schreckliche Krisen dabei erlebt. Darin ähnelt die Königsfamilie aber allen Familien auf der Erde. Warum soll sie tugendhafter sein als andere? Drei von vier Kindern haben Scheidung erlebt und andere Dramen, die uns noch in Erinnerung sind.

Der Boulevard macht den Fehler, zu glauben, aufgrund der Skandale sei die Monarchie in Gefahr. Aber sie war nur beim Tod von Diana hart an den Rand der Überlebensfrage gekommen. Man darf den beliebten Umgang der Boulevardpresse mit den Skandalen der Königsfamilie nicht für den "real deal" halten. Das hat nichts mit der Anhänglichkeit der Briten an die Monarchie zu tun. Diese Anhänglichkeit überdauert.

Charles und sein modernes "Lebensthema"

tagesschau.de: Ihr Sohn Charles kommt nun mit 73 Jahren ins Amt. Trägt er von Anfang an das Etikett eines Übergangsmonarchen?

Kielinger: Aufgrund seines Alters auf jeden Fall, aber man darf ihn nicht unterschätzen. Er steht mit seinem Lebensthema absolut in der Mitte der heute weltweit geführten Diskussion über Nachhaltigkeit, über das Überleben der Erde. Diese Themen hat er an der Seite seines Vaters Prinz Philip sehr früh zu seinem Hauptthema gemacht, und das macht ihn glaubwürdig. Das muss er nicht erst lernen und einen modernen König spielen, der schnell auf einen fahrenden Zug springt. Darum ist er mehr als nur ein Übergangskönig. Er gehört in diese Zeit und wird seine Aufgabe sehr gut erfüllen.

Das Ende der "stiff upper lip"

tagesschau.de: Glauben Sie, dass es ein Aspekt gibt, in denen sich das Königshaus vielleicht auch schon unter Charles ändern muss?

Kielinger: Wir haben an Elisabeth II. und ihrem Mann erlebt, dass sie einer Generation angehörten, die ungern über Krisen im Königshaus sprach. Diese berühmte "stiff upper lip" hat es mit sich gebracht, dass sie die diversen Krisen ihrer Kinder nie richtig ernst genommen haben nach dem Motto, die werden schon reif werden und dann wird es sich erledigen. Pustekuchen. Die moderne Generation ist anders. Die will mit ihren Gefühlen angesprochen werden.

Die Krise um Harry und Meghan Markle ist ein klassisches Beispiel dafür, dass man die Sorgen der nachwachsenden Generation nicht mehr übergehen kann und sie verstehen muss. Die Queen und ihr Mann haben diesen Fehler begangen als Eltern: Sie wussten schon bei der Hochzeit von Charles mit Diana, dass er eine Geliebte hatte - und sie hätten ihn warnen sollen. Das ist nicht geschehen, man hat es unter den Teppich gekehrt. Es war Teil ihrer Philosophie, sich nicht in das Leben ihrer Kinder einzumischen. Aber als Eltern muss man manchmal die Initiative ergreifen.

Die Kinder von Prinz William werden davon profitieren, dass heute das Gefühlsleben der nachwachsenden Generation voll ernst genommen wird es nicht mehr heißt: Damit müsst ihr selbst fertig werden. Heute heißt das Motto: Bekenne dich zu deinen mentalen Problemen, sprich darüber offen mit deinen Kindern, dann wirst du besser mit den künftigen Krisen fertig werden.

Die Fragen stellte Eckart Aretz, tageschau.de