Ein Mann mit Rollkoffer läuft durch einen Flughafen. | picture alliance / NurPhoto

EU-Bürger in Großbritannien Unsicherheit - und Diskriminierung?

Stand: 30.06.2021 04:14 Uhr

Für EU-Bürger läuft heute der letzte Tag, an dem sie Aufenthaltsgenehmigungen in Großbritannien beantragen können. Viele Arbeitgeber kommen mit dem neuen System noch nicht zurecht. Bewerber fürchten nun, dass sie benachteiligt werden.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Oliver Philips lebt und arbeitet schon seit Jahren in England, hat einen deutschen Pass. Am 26. Dezember 2020 hat er sich um den dauerhaften Aufenthaltsstatus in Großbritannien beworben - online. "Am 8.4.2021 habe ich dann eine E-Mail bekommen, in der bestätigt wurde, dass mein Antrag eingegangen ist. Und endlich am 19.4.2021 habe ich eine Antwort bekommen, die bestätigt, dass ich in England bleiben kann", berichtet er.

Christoph Prössl ARD-Studio London

In den knapp vier Monaten dazwischen konnte Oliver Philipps, der eigentlich anders heißt, nirgendwo nachfragen, wie es um die Aufenthaltsgenehmigung steht. Monate, in denen es nicht möglich war, beispielsweise Arbeitgebern, Banken oder Vermietern zu beweisen, dass er im Vereinigten Königreich bleiben darf. Solche Verzögerungen im komplizierten Verfahren haben viele Antragsteller erlebt.

5,6 Millionen Bürgerinnen und Bürger aus der Europäischen Union haben sich auf das sogenannte EU-Settlement-Programm beworben. Voraussetzung: Sie müssen nachweisen können, dass sie vor Ende 2020 im Vereinigten Königreich gelebt haben.

System verunsichert viele Arbeitgeber

"Dann haben wir noch 400.000 EU-Bürgerinnen und Bürger, die sich in dieser Warteschleife befinden. Die sitzen da teilweise seit Monaten, seit über einem Jahr und wissen nicht genau, was ihre Bewerbung aufhält", berichtet Maike Bohn, Mitbegründerin des Verein "The 3 Million", einer Gruppe, die sich für die Rechte der EU-Bürgerinnen und Bürger im Vereinigten Königreich nach dem Brexit einsetzen. "Und diese Menschen machen sich eben auch sehr, sehr große Sorgen, wie das in der Praxis aussieht ab dem ersten Juli."

Die britische Regierung musste erst ein Verfahren für Polen, Deutsche, Franzosen und weitere EU-Bürger aufsetzen. Denn Meldeämter gibt es nicht in Großbritannien. Das neue System sollte ausschließlich digital arbeiten. Kein Sachbearbeiter am Schalter, kein Stempel im Pass, kein Nachweis aus Papier. Ein Nachweis - beispielsweise bei der Wiedereinreise - soll rein digital erfolgen.

In der Praxis macht das große Probleme, berichtet Bohn: Viele Arbeitgeber kämen mit dem neuen System nicht zurecht. "Wenn man da so ein Zertifikat hinhält, bekommt man eventuell trotzdem nicht den Job. Und es wird viel diskriminiert, weil hier einfach auch sehr viel Verwirrung herrscht, wie dieses neue digitale System eigentlich funktioniert. Wir denken, auf diese 400.000 Menschen kommt viel Unsicherheit, aber auch Diskriminierung zu."

Sorge vor der nächsten Auslandsreise

Die britische Regierung versichert: Jeder, der vor dem 1. Juli einen Antrag digital stelle, könne sicher sein, dass dieser bearbeitet werde. In den vergangenen Tagen haben sich Tausende pro Tag angemeldet.

Bohn empfindet die Politik als migrationsfeindlich: "Denn egal, was da eine Ministerin oder ein Minister sagt, das ganze System in Großbritannien ist darauf ausgelegt, dass die Grenze nach Innen gelegt wird. Arbeitgeber, Universitäten, Krankenhäuser; die müssen alle kontrollieren, ob man sich legal im Land befindet." Sonst drohen Arbeitgebern zum Beispiel hohe Geldstrafen.  

Philips nimmt wahr, dass sich die gesellschaftliche Stimmung mit der Politik von Premierminister Boris Johnson verändert hat: "Man ist in den letzten fünf Jahren viel rassistischer geworden in England", sagt er. Philips ist sehr froh, seinen Aufenthaltstitel zu haben. Vor der ersten Reise ins Ausland graut es ihm aber ein wenig - wer weiß, ob dann das digitale System zum Nachweis funktioniert.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 30. Juni 2021 um 12:21 Uhr.