Drei Frauen nach der Explosion in der belebten Einkaufsstraße Istiklal in Istanbul, Türkei. | AFP

Explosion in Istanbul Für Erdogan riecht es nach Terror

Stand: 13.11.2022 20:04 Uhr

Sechs Tote, mindestens 81 Verletzte: Die verheerende Explosion in der Istanbuler Innenstadt hat viele Opfer gefordert. Die Behörden in der Türkei gehen von einem terroristischen Hintergrund aus.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Die Geschäfte auf der beliebten Istanbuler Einkaufsstraße Istiklal sind auch sonntags geöffnet. In der Regel drängen sich hier Touristen und Istanbuler. Jetzt ist alles abgesperrt. Polizeihubschrauber kreisen über dem Gebiet, Krankenwagen fahren rein und raus.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Nach Angaben des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sind sechs Menschen ums Leben gekommen. Ein Mann steht hinter der Polizeiabsperrung und berichtet: "Es war eine gewaltige Explosion. Ich habe es gehört, aber wir wussten erst nicht, was es ist. Alle rannten in Panik davon."

"Da wusste ich: Es ist eine Bombe"

Auf Bildern und Videos im Internet sind ein Feuerball, blutüberströmte Menschen und zerborstene Schaufensterscheiben zu sehen. "Ich war auf meinem Hotelzimmer, als ich die Explosion gehört habe", berichtet ein Tourist aus Marokko. "Ich habe gedacht, vielleicht ist das normal. Dann habe ich die Polizeihubschrauber gehört. Auf meinem Handy habe ich die Nachrichten gecheckt. In einer Meldung war von einer Bombenexplosion die Rede."

Eigentlich hätte er seinen letzten Abend in der Stadt in der Einkaufsstraße verbringen wollen. "Aber ich glaube, wir sollten jetzt in unser Hotel zurückkehren."

Anfangs ist nur von einer Explosion die Rede. "Ich war bei der Arbeit, wie gewöhnlich, dann gab es eine Explosion. Manche meinten, es sei wohl eine Erdgasexplosion gewesen, aber ich habe Schießpulver gerochen, da wusste ich: Es ist eine Bombe", berichtet ein Mann, der unweit des Tatorts einen Döner-Stand betreibt.

Die Google Earth Karte zeigt Istanbul mit der Einkaufsstraße Istiklal

Erdogan spricht von "heimtückischem Anschlag"

Noch am Nachmittag gibt Präsident Erdogan eine Pressekonferenz. Er spricht von einem Anschlag: "Die zuständigen Stellen unseres Staates arbeiten weiter daran, die Urheber dieses heimtückischen Anschlags und die Hintermänner zu entlarven", sagte er. "Die Bemühungen, die Türkei und die türkische Nation durch Terrorismus zu unterwerfen, werden heute und morgen nicht mehr so erfolgreich sein wie gestern. Unser Volk sollte sicher sein, dass die Täter des Vorfalls in der Istiklal-Straße so bestraft werden, wie sie es verdienen, indem alle Hintergründe des Vorfalls aufgedeckt werden."

Schon im März 2016 hatte es einen Selbstmordanschlag auf der Einkaufsstraße gegeben. Damals wurden fünf Menschen getötet. Die türkische Regierung machte die Terrormiliz IS dafür verantwortlich. Jetzt hält sich Erdogan zurück, was Vermutungen angeht, wer dahinter stecken könnte. "Zum jetzigen Zeitpunkt, während der ersten Ermittlungen, wäre es natürlich falsch, mit Sicherheit zu sagen, dass es sich um Terrorismus handelt, aber die ersten Entwicklungen und die Informationen, die uns vom ersten Gouverneur übermittelt wurden, lassen darauf schließen, dass es nach Terrorismus riecht", sagte Erdogan.

Wenig später äußert sich der türkische Vize-Präsident Fuat Oktay: Die Explosion sei nach ersten Erkenntnissen durch eine Bombe verursacht worden, "die von einer Frau gezündet worden sein soll". Die Behörden gingen davon aus, dass es sich um einen Terroranschlag handele.

Auch die kurdische PKK hatte in der Vergangenheit zahlreiche Anschläge in der Türkei verübt. "Ich lebe und arbeite hier seit 33 Jahren. Das ist der sechste Bombenanschlag, den ich miterlebe", berichtet Mann am Döner-Stand. "Die können machen, was sie wollen, sie werden ihr Ziel nicht erreichen. Das hat es früher schon gegeben und wird es vermutlich auch wieder geben."

Die türkische Rundfunk-Aufsichtsbehörde RTük verhängte noch am Nachmittag eine Nachrichtensperre. Man wolle Angst und Panik vermeiden. Türkische Sender unterbrachen daraufhin die Berichterstattung über die Explosion. Später folgten wieder Bilder und Informationen. Soziale Medien wie Facebook, Instagram und Twitter funktionierten zeitweise nur eingeschränkt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. November 2022 um 20:00 Uhr.