Das türkische Forschungsschiff "Oruc Reis" vor der Küste Antalyas (Archivbild) | AP
Hintergrund

EU-Gipfel Sanktionen wegen Erdgas-Bohrungen?

Stand: 10.12.2020 10:22 Uhr

Griechenland und Zypern dringen auf Sanktionen gegen die Türkei, weil sie Ankaras Mittelmeer-Bohrmissionen als Expansionspolitik sehen. Der Erdgas-Streit beschäftigt nun auch den EU-Gipfel.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Die Türkei und Griechenland streiten schon seit Jahren um Seegebiete, in denen sie Erdgasvorkommen vermuten. Im Sommer eskalierte die Lage mal wieder: Kriegsschiffe beider Seiten waren in umstrittenen Gewässern im östlichen Mittelmeer auf engem Raum unterwegs. Sie begleiteten beziehungsweise beobachteten das türkische Forschungsschiff "Oruc Reis".

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Bundesaußenminister Heiko Maas warnte bei einem Besuch in Athen: "Die aktuelle Lage im östlichen Mittelmeer ist mittlerweile ein Spiel mit dem Feuer, und jeder noch so kleine Zündfunke kann zu einer Katastrophe führen. Daran kann niemand ein Interesse haben."

Es ist nicht der erste Besuch von Maas in der Angelegenheit in Athen und Ankara. Allerdings erreichte er bislang nicht viel: Die Positionen sind zu verhärtet.

"Versuch, Expansionspläne umzusetzen"

Zugespitzt hat sich der Streit im Lauf des vergangenen Jahres. Im November 2019 unterschrieb die Türkei ein Abkommen mit Libyen - sie will sich dadurch auch Seegebiete südlich der griechischen Insel Kreta sichern. Auch dabei geht es unter anderem um Bodenschätze unter dem Meer.

Immer wieder kommt ein Vorwurf, etwa vom griechischen Außenminister Nikos Dendias: "Wir beobachten den Versuch, Expansionspläne in die Tat umzusetzen - zulasten von Nachbarn und alliierten Staaten", sagt er. "Wir beobachten neo-osmanische Ideologien, einfach einen grenzenlosen Expansionskurs und den Versuch, das Mittelmeer zu kontrollieren."

Ankara argumentiert dagegen, man wolle nur seine Rechte verteidigen. Der frühere General Ahmet Yavuz gibt zu, dass die Türkei das gerne mal als Argument für eine Offensive benutzt.

"Aber in der Libyen-Frage ist es tatsächlich etwas anderes, und ich persönlich unterstütze das Vorhaben", sagt er. "Denn es geht in dieser Angelegenheit um die Interessen des Landes, um Rechte, was Seezonen angeht. Und das ist für die Türkei lebenswichtig."

Das türkische Forschungsschiff "Oruc Reis" im Mittelmeer | AFP

Die türkische "Oruc Reis" im Mittelmeer wurde von Kriegsschiffen eskortiert. Bild: AFP

"Den Mut der Türkei nicht testen"

Denn das Land hat einen großen Energiebedarf, muss aber fast alles durch Importe decken. Das macht abhängig und ist teuer.

Zu Jahresbeginn unterschrieben Griechenland, Zypern und Israel ein Abkommen über den Bau einer Gas-Pipeline im östlichen Mittelmeer. Über sie wollen die drei Länder in einigen Jahren Gas von Israel nach Europa liefern.

Die Türkei fühlt sich von dem Projekt ausgeschlossen. Parallel ließ sie das Bohrschiff "Yavuz" vor der Küste Zyperns in umstrittenem Gebiet nach Erdgas suchen. Mitte August schickte sie auch noch das Forschungsschiff "Oruc Reis" los. Athen tobte. "Ich bin offen, was Ankara angeht, allerdings unter einer Bedingung: dass die Provokationen aufhören", schimpfte Regierungschef Kiriakos Mitsotakis. "Da reichen sechs Worte: die Provokationen enden, der Dialog beginnt."

Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bietet immer wieder Gespräche an, droht aber auch gleichzeitig: "Jeder muss begreifen, dass man die Geduld, Entschlossenheit, die Möglichkeiten und den Mut der Türkei nicht testen sollte. Wenn wir sagen, wir machen etwas, dann machen wir das auch, auch wenn wir einen hohen Preis dafür zahlen müssten."

"Oruc Reis" liegt seit November im Hafen

Erst Mitte September holte Ankara die "Oruc Reis" zurück in den Hafen von Antalya - kurz vor einem EU-Sondergipfel, bei dem es um Sanktionen gegen die Türkei gehen sollte. Griechenland und Zypern konnten sich mit ihrer Forderung danach nicht durchsetzen.

Schon kurz darauf legte das Forschungsschiff wieder ab. Sein Einsatz wurde immer wieder verlängert - bis Ende letzten Monats. Seitdem liegt es wieder im Hafen von Antalya. Angeblich ist der Einsatz zu Ende. Die seismischen Untersuchungen seien abgeschlossen, heißt es aus Ankara.

Über dieses Thema berichtete mdr aktuell am 10. Dezember 2020 um 15:11 Uhr.