Eine Frau läuft an einem Wahlplakat der Partei "Wir setzen den Wandel fort" vorbei, auf dem die Spitzenkandidaten Kiril Petkow (rechts) und Assen Wassilew (links) zu sehen sind. | EPA

Wahlkampf in Bulgarien Die mutmaßlichen Königsmacher

Stand: 13.11.2021 13:33 Uhr

Petkow und Wassilew heißen die Hoffnungsträger in Bulgarien. Die beiden Ex-Minister könnten mit ihrer Reformpartei beim dritten Urnengang am Sonntag auf Platz zwei landen und eine Regierung ermöglichen, die sich viele Bulgaren wünschen.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien.

Es ist keine klassische Wahlkampf-Schlusskundgebung: Einige hundert Menschen bummeln am Freitagnachmittag bei herbstlichem Sonnenschein durch den Südpark in Sofia. Überwiegend junge Leute, Eltern mit Kindern, zusammen mit Kiril Petkow und Assen Wassilew, den beiden Spitzenkandidaten der neu gegründeten Reformpartei "Wir setzen den Wandel fort".

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Petkow und Wassilew, 41 und 44 Jahre alt, beide Harvard-Absolventen, beide Unternehmer, waren Wirtschafts- und Finanzminister der Interimsregierung nach den ersten gescheiteren Wahlen im April und wurden durch ihr Vorgehen gegen die Korruption unter dem früheren Langzeit-Ministerpräsidenten Boiko Borissow landesweit bekannt.

Das sei auch der Grund, warum sie ihre Hoffnung auf die beiden setze, sagt Juliane, eine 37-jährige Frau, die einen kleinen Online-Shop betreibt: "Als sie noch Interimsminister waren, wandten sie sich an die großen Konzerne, von denen wir alle in Bulgarien wissen, dass sie nicht nach dem Recht funktionieren, aber niemand hatte sie bisher angerührt. Sie waren die ersten, die das wagten." Das stimmt, bestätigt ihre Freundin und Geschäftspartnerin Ljubow: "In dieser kurzen Zeit haben sie es geschafft, Dinge zu tun, die in den vergangenen 30 Jahren niemand tun wollte."

"Ich freue mich auf den 14.11."

So machten Petkow und Wassilew als Interimsminister für Wirtschaft und Finanzen erstmals von Regierungsseite aus öffentlich, in welchem Ausmaß unter der Vorgänger-Regierung von Borissow die Korruption grassierte. Etwa dass die staatliche Förderbank, die kleine und mittlere Unternehmen mit Krediten unterstützen sollte, stattdessen Kredite in Höhe von einer halben Milliarde Euro an acht Oligarchen-Konzerne vergeben hatte.

Das beeindruckte viele Menschen in Bulgarien, die seit dem Ende des kommunistischen Regimes vor über 30 Jahren auf einen solchen Durchbruch gewartet hatten. Die 57-jährige Altenpflegerin Ina Stojanowa ist deswegen beim "Spaziergang" mit den beiden Spitzenkandidaten dabei: "Ich habe 30 Jahre lang nicht gewählt. Aber was ich von diesen jungen Leuten höre und sehe, ist das, was ich für dieses Land will, und ich habe 30 Jahre darauf gewartet, dass es passiert. Ich freue mich auf den 14.11."

Keine Zusammenarbeit mit Ex-Regierungschef Borissow

Zwei Passanten kommen den Polit-Spaziergängern im Park entgegen und rufen den beiden Spitzenkandidaten "Sieg, Sieg!" und "Viel Erfolg!" zu. Aussichten auf Erfolg hat die neue Reformpartei "Wir setzen den Wandel fort" schon. Die jüngsten Umfragen sehen die Partei, PP abgekürzt, auf dem zweiten Platz, hinter der national-konservativen GERB Partei von Ex-Regierungschef Borissow.

Mit Borissow, so versichert Spitzenkandidat Petkow, werde seine Partei unter keinen Umständen zusammenarbeiten: "Wir sind keine natürlichen Partner von jemandem, der in Korruption verwickelt ist." Und Wassilew, der Co-Vorsitzende der Reformpartei, fügt unmissverständlich hinzu: "Solange nicht alle Verantwortlichen für die aktuelle Situation im Land im Gefängnis sitzen, gibt es zu keiner Zeit eine Chance auf eine Partnerschaft." Gemeint ist eine Partnerschaft mit GERB.

Genau, stimmt Georgi Kadiew zu. Der 35-jährige Gärtner spaziert beim entspannten Bummel durch den Südpark Sofias mit. Wie könne Borissow nur glauben, dass er mit den Reformparteien eine Koalition bilden könne, wo doch jeder im Land wisse, dass keine andere Partei mehr mit ihm zusammenarbeiten wolle. "Er ist total inadäquat, er lebt in seiner eigenen Welt, er hat keinen Bezug zur Realität. Die Leute hassen ihn! Ich kann es gar nicht glauben, wie unverschämt er ist, wie sehr er an sich geglaubt und er so selbstvergessen ist."

"Dies ist die letzte Sauerstoffflasche für Bulgarien"

Nach zwei Wahlen im April und Juli, die zu keiner Regierungsbildung führten, setzen die Anhänger der Reformpartei "Wir setzen den Wandel fort" nun ihre Hoffnungen auf die beiden Ex-Interimsminister und Polit-Neulinge Petkow und Wassilew. Ihnen sei es zuzutrauen, eine Koalition ohne GERB zu bilden.

Das sei, so sagt die Online-Händlerin Juliane unter Anspielung auf die schwere Corona-Lage im Land, die einzige Chance: "Dies ist die letzte Sauerstoffflasche für Bulgarien. Wenn diese Leute es nicht schaffen, es zu ändern, müssen wir wahrscheinlich in Ihr Land gehen und die Toiletten reinigen oder etwas anderes tun, was wir können. Hier wird es keine Chance mehr geben."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. November 2021 um 12:05 Uhr.