Kiril Petkow | REUTERS

Gewonnene Parlamentswahl Vom Interimsminister zum Premier

Stand: 15.11.2021 21:46 Uhr

Die neu gegründete Anti-Korruptions-Partei "Wir setzen den Wandel fort" hat bei der Parlamentswahl in Bulgarien überraschend die meisten Stimmen geholt. Neuer Ministerpräsident könnte Kiril Petkow werden. Wer ist der Mann?

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien, zzt. Sofia

Kiril Petkow muss schallend lachen auf die Frage des Reporters, ob bei einer Impfquote von etwas mehr als 20 Prozent in Bulgarien der Glaube an Voodoo-Medizin verbreitet sei. "That's a good one", sagt Petkow, aufgewachsen in Kanada, schüttelt sich, und bietet spontan ein High Five an.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

"Geht raus und wählt"

Petkow sind am letzten Tag vor den Wahlen kein Druck und keine Anspannung anzumerken. Der große, schlanke 41-Jährige ist pragmatisch, lösungsorientiert - und locker. Er verbringt den Samstagmittag im Haus seines Freundes und Partei-Mitbegründers Assen Wassilew, letzte Interviews, Abstimmungen mit dem Team: "Was wir jetzt unseren Freunden, Familien und allen Unterstützern sagen, ist: Sagt noch nicht einmal, wen man wählen sollte. Sagt den Leuten einfach: Geht raus und wählt!"

Petkow, verheiratet mit einer Kanadierin und Vater von drei Kindern, verbindet eine langjährige Freundschaft mit Wassilew und ein ähnlicher Lebenslauf: Beide haben einen Master-Abschluss der Harvard Business School und nach ihrer Rückkehr nach Bulgarien jeweils eigene Firmen aufgebaut. Beide haben einen Ableger der US-Elite-Uni an der Universität in Sofia ins Leben gerufen und sind seitdem dort Dozenten.

Zwei Freunde gegen den Ex-Regierungschef

Petkow und Wassilew stimmten im Mai zu, als sie Staatspräsident Rumen Radew fragte, ob sie nach der ersten gescheiterten Regierungsbildung bereit wären, als Wirtschafts- und Finanzminister für einige Monate in der Interimsregierung mitzumachen.

Petkow, der eloquent und überzeugend auftritt, war - wie sein Freund Wassilew - davon überzeugt, dass dem ärmsten EU-Mitgliedsland Milliarden von Steuergeld vorenthalten worden seien, die während der über zehnjährigen Amtszeit von Ex-Regierungschef Bojko Borissow in dunkle Kanäle geflossen seien - und nicht der Bevölkerung zugute gekommen waren:

Die Öffentlichkeit war es meines Erachtens wirklich leid, mitzubekommen, wie ihr Steuergeld in die falsche Richtung ging und sie hat instinktiv das Gefühl, dass das schon seit langer Zeit geschieht.

Petkows und Wassilews Popularität stieg während der vier Monate als Interimsminister rasant an: Ihre Credos von "Null Korruption" und "Rechtsstaatlichkeit" verfingen bei vielen jungen wie alten Menschen - nicht zuletzt deshalb, weil viele in Bulgarien gleich welchen Alters darunter leiden, dass mindestens ein Familienangehöriger im Ausland lebt, um Geld für die Daheimgebliebenen zu verdienen.

"Er wird ein guter Premierminister sein"

Petkow und Wassilew wurden bei der Suche nach den unterschlagenen Staatseinnahmen rasch fündig, sagt Wassilew. Bei beiden hat man den Eindruck, dass sie politisch wie persönlich auf einer Wellenlänge sind: "Wir sahen uns selbst in diesen vier Monaten in der Lage, 2,5 Milliarden Lewa einzusammeln, was 1,3 Milliarden Euro sind, die wir in die Renten gesteckt haben", sagt Wassilew. 42 Prozent der bulgarischen Rentner lebten unterhalb der Armutsgrenze. "Nach der Rentenerhöhung waren alle über der Armutsgrenze."

Im September dann stand für Petkow und Wassilew fest: Wir machen weiter, wir gründen eine Partei und schauen, ob es für unseren Kurs eine Mehrheit gibt. Es waren, trotz einer sehr geringen Wahlbeteiligung, viel mehr, die sie wählten, als es Demoskopen erwartet hatten: mehr als 25 Prozent.

Pektows nächste Aufgabe: Eine Regierung bilden, die sich den Kampf gegen die Korruption und für eine Justizreform verschreiben soll. Unter seinen Wählern jedenfalls wird ihm das durchaus zugetraut: "Kiril Petkow hat eine große Chance, das Image Bulgariens in der Welt zu verändern. Ich denke, er ist gut vorbereitet und wird ein guter Premierminister sein", sagt einer.