Teilnehmer des Gedenkmarschs  | AFP

Nordirland Gedenken an den "Blutigen Sonntag"

Stand: 30.01.2022 16:28 Uhr

Mit einem Gedenkmarsch hat Nordirland der Opfer des "Blutigen Sonntags" vor 50 Jahren gedacht, an dem in Derry - britisch Londonderry - 13 Demonstranten von britischen Soldaten erschossen und 15 verletzt worden waren.

50 Jahre nach dem "Bloody Sunday" hat Nordirland eines der schlimmsten Kapitel im jahrzehntelangen Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten in der britischen Provinz gedacht. Am 30. Januar 1972 hatten Soldaten eines britischen Fallschirmjägerbataillons auf Teilnehmer eines katholischen Bürgerrechtsmarschs in der Stadt Derry geschossen. 13 Menschen wurden getötet, ein weiteres Opfer starb Monate später - allerdings nicht an seinen Verletzungen, wie Untersuchungen inzwischen ergaben.

Hunderte Menschen, darunter auch Angehörige der Opfer, folgten am Vormittag schweigend den Spuren des damaligen Marsches in der Stadt Derry, die von den Protestanten Londonderry genannt wird. Kinder mit weißen Rosen und Porträts der Opfer schlossen sich der Prozession an. 

Teilnehmer des Gedenkmarschs gehen mit Fotos an einem Wandgemälde entlang, das die Opfer des Blutsonntags zeigt. | AFP

Einige Teilnehmer des Gedenkmarsches trugen Fotos der Opfer. Bild: AFP

Erstmals irischer Ministerpräsident beim Gedenken

Bei einer Zeremonie am Denkmal für die Opfer wurde nach Verlesung von deren Namen und der Niederlegung von Kränzen eine Schweigeminute eingelegt. Auch Irlands Regierungschef Micheal Martin war bei der Zeremonie dabei. Es war das erste Mal, dass ein irischer Ministerpräsident daran teilnahm. Zusammen mit seinem Außenminister Simon Coveney legte Martin einen Kranz nieder. 

Auch der britische Premierminister Boris Johnson erinnerte an den "Bloody Sunday", der einer der dunkelsten Tage des jahrzehntelangen Konflikts gewesen sei. "Wir müssen aus der Vergangenheit lernen, versöhnen und eine friedliche Zukunft für die Menschen in Nordirland aufbauen", twitterte Johnson.

Kritiker werfen ihm allerdings vor, kein Interesse an einer echten Aufarbeitung zu haben. Die Regierung in London plant ein Gesetz, das jegliche Strafverfolgung, Zivilprozesse oder auch nur öffentliche Untersuchungen im Zusammenhang mit dem Nordirland-Konflikt unmöglich machen soll.

Der "Bloody Sunday" hatte viele junge Katholiken in die Arme der paramilitärischen Irisch-Republikanischen Armee (IRA) und anderer Extremistengruppen getrieben, die mit Waffengewalt für eine Vereinigung Nordirlands mit Irland kämpfte. In dem drei Jahrzehnte andauernden Konflikt wurden mehr als 3500 Menschen getötet. Er endete erst mit dem Karfreitagsabkommen von 1998.

Aufklärung erst nach vier Jahrzehnten

Es dauerte fast 40 Jahre, bis die britische Regierung im Jahr 2010 eingestand, dass die Soldaten das Feuer auf die Menge eröffnet hatten und nicht umgekehrt - und dass die Demonstranten unbewaffnet waren. Nach Veröffentlichung des Untersuchungsberichts entschuldigte sich der damalige Premierminister David Cameron offiziell für diese "ungerechtfertigten und nicht zu rechtfertigenden" Taten.

Bisher wurde noch kein Soldat für die tödlichen Schüsse am "Blutigen Sonntag" verurteilt. Zwar wurde 2019 Mordanklage gegen einen von ihnen erhoben, doch wurde sie aus rechtlichen Gründen wieder fallengelassen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Januar 2022 um 15:00 Uhr.