Eine Lagerhalle im belarusisch-polnischen Grenzgebiet dient Migranten als Schlafstätte  | dpa

Flüchtlinge in Belarus Warten auf ein Weiterkommen

Stand: 18.11.2021 18:36 Uhr

Die Situation für viele Flüchtende und Migranten an der belarusischen Grenze ist nach wie vor offen. Zwar werden einige von ihnen ausgeflogen - doch viele wollen nicht zurück, sondern weiter nach Westeuropa.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau

Vor der großen Halle nahe Bruzgi hat sich eine Warteschlange gebildet. Hunderte weitere Menschen suchen Schutz vor Wind und Wetter und der tristen Hoffnungslosigkeit angesichts ihrer Situation.

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

Die angespannte politische Lage zwischen Belarus, Polen und der gesamten EU zermürbt die Menschen. "Es hat keinen Sinn mehr zu bleiben", sagt ein Mann, der gerade das provisorische Zeltlager nahe der Grenze verlässt: "Ja, wir verlassen das Lager, die meisten tun das. Es ist nicht mehr notwendig, hier zu bleiben. Wir warten im anderen Lager, bis uns geholfen wird."

Verbreitung von Infektionen befürchtet

In der vollen Halle wurde inzwischen ein Mensch mit Corona entdeckt und nach Angaben eines Regionalpolitikers in eine Klinik nach Grodno gebracht. In der Halle werde nun ein Impfzentrum eingerichtet, hieß es in staatlichen belarusischen Medien.

Ebenfalls dort kündigte der belarusische Senator Viktor Liskowitsch an, die Flüchtenden und Migranten würden nun geimpft. "Wir machen alles Mögliche, um die Verbreitung von Infektionen zu hemmen. Die Corona-Impfung der Flüchtenden, mit der wir heute beginnen, ist ein großer Schritt für ihre Gesundheit. Wir haben den Kindern heute auch Spielzeug gebracht - darum haben sie gestern gebeten. Das wird aus meiner Sicht helfen, den Aufenthalt im Lager zu verbessern."

Sprecherin: 2000 Menschen an der Grenze

Insgesamt seien noch 7000 Flüchtende und Migranten im Land, so Natalja Eismont, Sprecherin des autoritären Machthabers Aleksander Lukaschenko. 2000 davon an der Grenze in Spontanunterkünften, bis zu 500 Menschen entlang der Grenze verstreut. 374 Menschen vor allem aus dem Irak saßen in einer Boing 747, die am frühen Nachmittag am Flughafen von Minsk in den Irak abhob. Das Ziel war Bagdad mit einem Zwischenstopp in Erbil.

Die anderen, die noch in Belarus sind, würden auf einen humanitären Korridor bestehen, so Eismont. "Nach Westeuropa, vor allem nach Deutschland. Das heißt, sie weigern sich vorerst kategorisch, wegzufliegen, aber wir werden daran arbeiten. Dennoch können wir schon jetzt sagen, dass die Arbeit der belarusischen Migrationsdienste zusammen mit dem Außenministerium Ergebnisse hat. Wir halten unsere Versprechen. Die Europäische Union hingegen ist noch keiner Verpflichtung nachgekommen."

Belarus fordert Verhandlungen mit EU

Die Sprecherin ließ dabei außer Acht, dass die EU bisher keinerlei Verpflichtung gegenüber Belarus eingegangen ist. Sie beklagte stattdessen, dass zwischen EU und Belarus noch keine Verhandlungen auf Expertenebene begonnen hätten - so wie es Alexander Lukaschenko und die geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel vereinbart hätten.

Dafür gibt es aus Berlin keine Bestätigung. Man verpflichte sich den Menschen zu helfen, in die Länder zurückzukehren, aber niemand werde mit Gewalt in den Irak, Syrien oder Afghanistan abgeschoben.

Wie es mit Flüchtenden und Migranten, die nicht in ihre Heimatländer zurückfliegen wollen, weitergeht, ist nach wie vor offen. Der Flüchtende an der Grenze hofft auf ein Weiterkommen in die EU. "Vielleicht helfen sie uns mit dem Transfer nach Deutschland. Wir hoffen, dass wir nicht ein halbes Jahr oder ein Jahr warten müssen."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. November 2021 um 19:15 Uhr.