Wikileaks-Chefredakteur Kristinn Hrafnsson und Assanges Anwältin und Verlobte Stella Morris

Berufungsverfahren Assange-Unterstützer hoffen auf Kehrtwende

Stand: 27.10.2021 11:51 Uhr

Nach Berichten über Anschlagspläne auf Wikileaks-Gründer Assange hoffen seine Unterstützer auf Rückenwind im heute beginnenden Berufungsverfahren: Eine Auslieferung in die USA sei für ihn lebensgefährlich.

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

Stella Moris ist eine zierliche Frau - und ihr ist anzumerken, wie erschöpft sie ist. Moris ist nicht nur die Anwältin von Wikileaks-Gründer Julian Assange, sondern auch seine Verlobte und Mutter seiner zwei jüngsten Söhne, was sie lange geheim hielt. Sie kann die Hoffnung nicht aufgeben, dass Assange vielleicht sogar noch vor Weihnachten aus dem britischen Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh freikommen könnte: "Ich muss mich an dieser Idee festhalten, dass er nach Hause kommt. Nach zweieinhalb Jahren im Gefängnis und davor den Jahren in der ecuadorianischen Botschaft möchte ich ihn endlich ohne Überwachungskameras in die Arme nehmen", sagt sie. "Wir wollen endlich Privatspähre - nur für uns sein." 

Gabi Biesinger ARD-Studio London

Doch selbst wenn das Londoner Gericht den Auslieferungsantrag der USA wieder ablehnt, wäre er noch längst nicht frei: Denn die USA könnten wieder Berufung einlegen. Im Januar hatte ein britisches Gericht das US-Auslieferungsbegehren mit Hinblick auf Assanges angegriffene psychische Gesundheit und die zu erwartenden Haftbedingungen in den USA abgelehnt. 

Die Richterin hatte erklärt, Assange leide unter Autismus, klinischer Depression und habe ein erhöhtes Risiko, sich selbst zu verletzen. Es sei damit zu rechnen, dass er sich in Isolationshaft das Leben nehmen könne. 

Assange könnte sterben, warnen Unterstützer

Auch Stella Moris ist überzeugt, dass ihr Partner eine Auslieferung an die USA nicht überleben würde. Sie hat ihn am Wochenende zuletzt gesehen und macht sich große Sorgen: "Er sah sehr schlecht aus. Ich war schockiert, wie dünn er geworden ist. Belmarsh ist ein furchtbarer Ort", sagt sie. "Jeder, der sich mit Gefängnissen auskennt, weiß, wie gefährlich es ist, dort krank zu werden. Es kann katastrophal enden. Jeder Tag, den Julian in Haft verbringen muss, ist eine Gefahr für sein Leben."

Die US-Justiz will dem Wikileaks-Gründer wegen Spionagevorwürfen den Prozess machen, ihm drohen 175 Jahre Haft. Vorgeworfen wird Assange, gemeinsam mit Whistleblowern geheimes Material von US-Militäreinsätzen im Irak und in Afghanistan gestohlen und veröffentlicht zu haben. Er habe damit US-Informanten in Gefahr gebracht.

Um einer Auslieferung an die USA zu entgehen, hatte Assange sich 2012 in die Botschaft Ecuadors in London geflüchtet und dort sieben Jahre gelebt, bevor ihm 2019 das Asyl entzogen wurde. Daraufhin wurde er von den britischen Behörden festgenommen, kam nach Belmarsh und muss dort wohl ausharren, bis endgültig über sein weiteres Schicksal entschieden ist.

Unterstützer von Julien Assange vor einem Londoner Gericht halten Plakate in die Höhe. | picture alliance / ASSOCIATED PR

Unterstützer von Julien Assange vor einem Londoner Gericht sehen ihn als Held - auf einem Plakat setzen sie ihn mit Sokrates gleich. Bild: picture alliance / ASSOCIATED PR

Parallelen zum Fall Khashoggi?

Kristinn Hrafnsson, Chefredakteur von Wikileaks, wertet die endlosen Verfahren als Verzögerungstaktik mit Strafcharakter. Assanges Unterstützer sehen ihn naturgemäß nicht als Spion, sondern als Journalistenhelden, der Kriegsverbrechen ans Licht gebracht hat und darum bei der US-Regierung in Ungnade gefallen ist. 

Investigative Journalisten von "Yahoo News" hatten Ende September unter Berufung auf nicht genannte US-Quellen berichtet, der US-Auslandsgeheimdienst CIA habe Assange entführen oder sogar ermorden wollen, während er sich noch in der ecuadorianischen Botschaft in London aufhielt.

Hrafnsson zieht hier eine Parallele zur Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi in der saudischen Botschaft im Jahr 2018: "Man ist interessanterweise gar nicht überrascht, wenn von höchster US-Regierungsstelle ein Plan geschmiedet wird, der sich gar nicht groß von dem Plan unterscheidet, den die saudische Regierung etwa zeitgleich gegen den Journalisten Kashoggi in der Türkei geschmiedet hat", sagt er. "Nur dass der Khashoggi-Plan ausgeführt wurde. Die Idee war dieselbe, die Opfer waren dieselben, Journalisten."

Durch die Enthüllung der mutmaßlichen Anschlagspläne gegen Assange hoffen Moris und Assanges Unterstützer nun auf eine Kehrwende in dem Verfahren. "Diese kriminellen Pläne der USA gegen Julian entziehen diesem Auslieferungsverfahren, in dem wir uns befinden, den letzten Rest einer legalen Grundlage", drückt Moris sich aus. Denn Großbritannien könne ja wohl kaum jemanden an ein Land ausliefern, das ihn umbringen wolle.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Oktober 2021 um 06:08 Uhr.