EU-Wettbewerbskommission kritisiert Pharmaindustrie Signal gegen Bestechung und Trickserei

Stand: 28.11.2008 12:42 Uhr

Die Pharma-Industrie behindert systematisch die Einführung preisgünstiger Nachahmer-Medikamente. Das geht aus einem Bericht der EU-Wettbewerbskommission hervor. Bestechung und Trickserei seien gängige Mittel. Die EU setzt auf ein Einsehen der Konzerne.

Von Peter Heilbrunner, SWR-Hörfunkstudio Brüssel

Eine Auswahl von Pillen
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Um den Patentschutz zu verlängern, werden Inhaltsstoffe oft minimal verändert.

Nach Banken, Versicherungen und Energieversorgern kommen nun die Pharmahersteller dran. Brüssel knöpft sich einen Sektor nach dem anderen vor, um Preisabsprachen und Schmiergeldzahlungen aufzudecken. Ziel ist es, Praktiken auf die Schliche zu kommen, die zum Nachteil der Verbraucher sind.

In Fall der Arzneimittelhersteller werden Patienten und Kassen geschädigt. Unser Leben wäre besser, so EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes, "wenn mehr Innovationen und billigere Nachahmerpräparate auf dem Markt wären.

1300 Patente für ein einziges Medikament

EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes
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EU-Wettbewerbskommissarin Kroes kritisiert Betrug und Bestechung in der Pharmabranche.

Um zu verhindern, dass günstigere Nachahmerprodukte auf den Markt kommen, sind sich die Pharmaunternehmen offenbar für nichts zu schade. Der Bericht der Brüsseler Kartellwächter liest sich wie ein Ratgeber für Betrüger: Da wird die Zusammensetzung eines Medikaments minimal verändert, um den Patentschutz verlängern zu können. Ein einziges Arzneimittel ist damit mit bis zu 1300 Patenten belegt.

In anderen Fällen bestechen die Hersteller von Originalpräparaten die Produzenten von Nachahmermedikamenten, damit die keine billigeren Pillen und Salben auf den Markt bringen. "Wenn ich im Vorteil bin, und Sie meinen Garten betreten wollen, dann biete ich Ihnen einfach Geld an, damit Sie wieder verschwinden", beschreibt Kroes diese Geschäftspraktik.

Europaweites Einsparpotenzial: Drei Milliarden Euro

Die Folge: Verbraucher und Krankenkassen müssen länger auf billigere Medikamente warten. EU-weit könnten zusätzliche Einsparungen von drei Milliarden Euro erzielt werden, wenn die Generika schneller auf den Markt kämen. Denn die Kosten für ein Nachahmerpräparat liegen laut Brüsseler Berechnungen um mindestens 20 Prozent unter denen des Originals.

Ein Signal, die Geschäftspraktiken zu ändern

Saftige Millionen-Strafen wegen Wettbewerbsbehinderung sind erst einmal nicht geplant. Kroes will mit den Herstellern zunächst das Gespräch suchen: "Ich hoffe schon, dass unsere deutliche Ansage von der Industrie als Signal verstanden wird, die Geschäftspraktiken zu ändern."

Im Frühjahr will Brüssel eine erste Bilanz ziehen. Erst dann will die resolute Wettbewerbskommissarin aus den Niederlanden über weitere Schritte entscheiden.

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