Hintergrund

Doha im Morgennebel

Außenpolitik des Golfemirats Katar Reich, aber politisch unter Druck

Stand: 17.09.2014 09:22 Uhr

Einst hatte sich Katar mit einer ehrgeizigen Außenpolitik einen Namen gemacht. Inzwischen ist das Emirat im arabischen Raum weitgehend isoliert - auch weil es die ägyptischen Muslimbrüder unterstützte. Zudem steht Katar im Verdacht, Terrorgruppen zu finanzieren.

Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo

1991 war das prägende Jahr für Katar: Iraks Diktator Saddam Hussein hatte im Sommer zuvor seine Truppen in Kuwait einmarschieren lassen. Aber erst als die Herrscher von Saudi-Arabien fürchteten, dass sie das nächste Ziel von Saddams Expansionsgelüsten werden könnten, begann sich die internationale Staatengemeinschaft für das kleine Kuwait zu interessieren.

"Die Kuwait-Invasion war es, die den alten Emir von Katar zu der neuen Politik inspirierte, das Interesse an Katar weltweit zu wecken, Katar ins Gespräch zu bringen und die Menschen dazu zu bringen, in Katar zu investieren", erklärt Michael Stevens, der in Doha für das renommierte britische Royal United Service Institute (RUSI) forscht. "Das Kalkül: Wer Katar kennt, ist auch in die Sicherheit von Katar involviert."

Scheich Hamad bin Chalifa al Thani
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Er öffnete Katar gegenüber dem Westen und gründete 1996 den Nachrichtensender Al Dschasira: Scheich Hamad bin Chalifa al Thani.

Katar investiert international - auch in Porsche und Volkswagen

Auf unvergleichliche Weise zogen die Kataris unter der Führung der Herrscherfamilie der al Thanis aus, die Welt zu erobern. Kurz nach dem Krieg um Kuwait begannen sie in großem Stil auf dem internationalen Parkett zu investieren; sie kauften Anteile an den Warenhäusern Printemps, Harrods und Sainsbury's, an Porsche und Volkswagen, am französischen Fußballclub Paris St. Germain und, und, und ... Ein Programm, das die Bekanntheit Katars erhöhte.

In diesem Sinne ist auch der Start des arabischen Nachrichtensenders Al Dschasira zu sehen, den der damalige Emir von Katar 1996 gründete. Die Top-Journalisten des Senders sprachen das breite Publikum der arabischen Welt an: provokativ, gefühlsgeladen, anti-westlich und kritisch. 

Von Anfang an auch war das Herrscherhaus davon überzeugt, dass der Sicherheit Katars am besten gedient ist, wenn gute Kontakte zu allen politischen Akteuren bestehen, die rund um das Emirat Einfluss haben, zu den USA und Iran, zum afghanischen Präsidenten Hamid Karzai und den Taliban, zu Israel und der Hamas.

Katar und seine außenpolitischen Ambitionen
B. Blaschke, ARD Kairo
17.09.2014 08:47 Uhr

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Neutrale Vermittlerposition endete 2011

Die Liste der regionalen Konflikte, in denen sich Katar als neutraler arabischer Mittler gibt - inzwischen muss man wohl sagen "gab" - ist lang, was Katars Image in der Welt enorm geprägt hat. 

Dann, im Januar 2011, 20 Jahre nachdem Katar begonnen hatte, Außenpolitik zu betreiben, verwandelte sich deren Stoßrichtung: Als die Volksaufstände in Tunesien, Libyen, Ägypten und Syrien starteten, verließen die al Thanis ihre angeblich neutrale Mittlerposition und begannen sich einzumischen: Katar - und die eigene TV-Großmacht Al Dschasira - schlugen sich auf die Seite derer, die als Sieger aus den Volksaufständen hervorzugehen schienen: die Gegner der alten Diktaturen.

In Ägypten, Tunesien und Libyen zeichnete sich bald ab, dass bei der politischen Neuordnung Islamisten vorn stehen würden - allen voran die Muslimbruderschaft sowie deren Ableger. Katar setzte auf sie. "Die Kataris sagten sich: Besser auf der Welle reiten, als ihr im Weg stehen und weggespült werden", erläutert Stevens.

Ägypten-Krise führt Katar in die Isolation

Doch die Islamisten hielten sich nicht lange. Schnell stieg in Ägypten beispielsweise der Unmut über die neuen Machthaber - über Monate gab es wieder Massenproteste. Als das ägyptische Militär den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi im Juli des vergangenen Jahres absetzte, begann Katars Weg in die Isolation von den anderen arabischen Staaten.

Blick auf Doha (Katar)
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Im Zuge der Revolutionen im arabischen Raum schlug sich Katar auf die Seite der Sieger - ein Fehler.

Ägyptens neue Führung zahlte sofort die Schulden an Katar zurück, die Mursi bei den al Thanis aufgenommen hatte - mithilfe schneller Finanzspritzen aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Deren Herrscher sind seit jeher Gegner der Muslimbrüder, weil sie in ihnen eine Gefahr für ihre Monarchien sehen. Fortan herrschte zwischen Kairo und Doha Eiszeit - wie auch zwischen Doha und den anderen Golf-Arabern.

Im Laufe der Monate nach Mursis Absetzung wurden die Mitgliedschaft Katars im Golf-Kooperationsrat suspendiert und die Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabiens und Bahrains aus Doha abberufen. Deren Monarchen wollten das Herrscherhaus dazu bringen, die Unterstützung der Muslimbruderschaft aufzugeben. Doch die al Thanis hielten daran fest - wie es zuletzt während des Krieges zwischen Israel und militanten Palästinensern im Gazastreifen sichtbar wurde.

Es schien so, als ob Katar die Kraft gewesen war, die die Hamas, einen Ableger der Muslimbruderschaft, zum Einlenken bewegt hätte. Schließlich wohnt Khaled Meschal, der Politbürochef der Hamas, im Exil in Katar. Doch der eigentliche Kompromiss, der die Waffenruhe brachte, war offenbar auf die Vermittlung Ägyptens zurückzuführen.

Der Verdacht: Katar unterstützt den Terror

Es ist das Engagement für die Muslimbruderschaft und andere Islamisten, das den Kataris den Ruf eingetragen hat, auch Terrororganisationen in Syrien zu unterstützen. Die Nusra-Front zum Beispiel oder die Terrororganisation "Islamischer Staat". So ließ unlängst der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller bei der Frage, wer die IS-Kämpfer finanziert, das Stichwort "Katar" fallen.

Diesen Vorwurf bestreiten offizielle Stellen in Katar immer wieder. Dass allerdings Privatfinanziers in dem Emirat militante Islamisten vom Schlage Al Kaidas mit Geldzuwendungen unterstützen, ist wahrscheinlich. Aber es liegen keine eindeutigen Beweise dafür vor, dass Katar als Staat Terrorgruppen direkt finanziert, sagt auch Stevens von der britischen Denkfabrik RUSI.

"Es gibt keinen Beweis dafür, dass Katar in diese Art Politik verwickelt ist. Haben sie Umgang mit Leuten, die da vernetzt sind? Ja. Sind Leute, die Katar unterstützt hat, zum Beispiel zur Nusra-Front übergelaufen? Ja.", sagte Stevens. "Das heißt aber nicht, dass Katar mit der Nusra-Front zusammen arbeitet. Ich würde sagen, sie arbeiten mit Islamisten-Gruppen zusammen; auch mit solchen, die bewaffnete Zweige haben, aber sie kooperieren nicht mit Dschihadisten."

Vor mehr als 20 Jahren hat Katar seine Außenpolitik eingeleitet. Und jetzt? Jetzt steht Katar als Staat da, der Terrororganisationen finanziert. Das Herrscherhaus hat jedoch vor wenigen Tagen damit begonnen, die Konsequenzen zu ziehen: Katar ist Mitglied in der von den USA gebildeten Anti-IS-Koalition. Und das Herrscherhaus sucht mittlerweile Staaten, die dazu bereit sind, hochrangige Muslimbrüder, die nach Katar geflohen sind, aufzunehmen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. September 2014 um 09:00 Uhr.

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