WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus | Bildquelle: dpa

WHO-Schmusekurs mit China Viel Lob und wenig Wachsamkeit

Stand: 15.04.2020 13:57 Uhr

Auch wenn es Kritik an Trumps Bruch mit der WHO gibt: Seine Ansicht, dass die Organisation zu China-hörig ist, teilen auch Experten. Wie problematisch das ist, hat sich gerade zu Anfang der Corona-Pandemie gezeigt.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Dass sich Vertreter internationaler Organisationen nach Delegationsreisen bei ihren Gastgebern bedanken und sich anerkennend äußern, das gehört zum diplomatischen Tagesgeschäft. Doch die Art und Weise, wie der WHO-Nothilfekoordinator Michael Ryan nach einer China-Reise Ende Januar die kommunistische Staatsführung in Peking lobte, überraschte dann doch.

Die Delegation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sei sehr beeindruckt gewesen von den Anstrengungen der chinesischen Regierung, sagte der WHO-Spitzenvertreter bei einer Pressekonferenz am Sitz der Organisation im Schweizerischen Genf. Dass eine Regierung so entschieden gegen eine Epidemie vorgehe, hätten weder er, noch der WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus je erlebt, so Ryan.

Hinweise auf Gefahr durch das Virus wurden ignoriert

Aussagen wie diese schaden inzwischen dem Image der Weltgesundheitsorganisation. Denn längst ist klar, dass die chinesischen Behörden zu Beginn der Coronavirus-Pandemie massiv Fehler gemacht haben. Hinweise auf die Gefährlichkeit wurden ignoriert und vertuscht. Hinweisgeber wurden zum Schweigen gebracht.

Chinas Staatsführung handelte - anders als von der WHO zunächst behauptet - nicht transparent. Nach Recherchen der Nachrichtenagentur AP warnte der Leiter von Chinas oberster Gesundheitsbehörde am 14. Januar andere staatliche Stellen vor einer massiven öffentlichen Gesundheitskrise durch das Virus. Die Weltgesundheitsorganisation erfuhr davon offenbar nichts. Am selben Tag twitterte die WHO: "Untersuchungen der chinesischen Behörden haben keine eindeutigen Hinweise auf eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung ergeben."

In der Stadt Jiujiang läuft ein Mann mit Atemschutzmaske an einer Mauer mit chinesischen Schriftzeichen vorbei. | Bildquelle: AFP
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Erste Anzeichen auf die Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch wurden von der WHO offenbar ignoriert.

WHO-Mitgliedschaft Taiwans verhindert

Schon knapp zwei Wochen vorher allerdings fanden Forscher heraus, dass eine 53-jährige Patientin im chinesischen Wuhan ihren Mann angesteckt hatte. Auch frühe Hinweise aus Taiwan auf mögliche Mensch-zu-Mensch-Übertragungen des Virus soll die WHO ignoriert haben.

Die kommunistische Staats- und Parteiführung in Peking verhindert seit Jahren eine Mitgliedschaft Taiwans in der WHO, mit der Begründung, die Inselrepublik sei Teil der Volksrepublik China.

"Man hat sich an dem orientiert, was China hören wollte"

"Inzwischen wissen wir, dass es auch innerhalb der WHO Zweifel gab, ob nicht vielleicht doch eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Virus stattfinden kann," sagt Mareike Ohlberg vom China-Forschungszentrum Merics in Berlin. "Aber in den großen Leitlinien und bei den großen Pressekonferenzen hat man sich doch sehr stark an dem orientiert, was China offiziell hören wollte."

In den vergangenen Jahren habe Chinas Führung ihren Einfluss auf die WHO systematisch ausgebaut, sagen Experten wie Harry Wu. Der Medizinhistoriker leitet das Institut für Medizin-Ethik an der University of Hong Kong. Der Einfluss der kommunistischen Führung auf die WHO zeige sich etwa an der Wahl des china-freundlichen Generaldirektors Tedros Adhanom Ghebreyesus und der Wahl seiner Vorgängerin, der Hongkong-Chinesin Margaret Chan.

"Viel Lobbyarbeit in Afrika"

"Anfang der 2000er-Jahre wurde Chinas Führung klar, wie sie die Stimmen der afrikanischen Staaten gewinnen könnte: Sie versprach, Afrika durch Investitionen zu entwickeln. Auf diese Weise konnte China Margaret Chan 2003 als WHO-Generaldirektorin durchsetzen - durch viel Lobbyarbeit in Afrika", sagt Wu

Die chinesische Staats- und Parteiführung hat heute kritisiert, dass die USA der WHO zunächst kein Geld mehr geben wollen. Gerade in Zeiten der Coronavirus-Krise dürfe die Weltgesundheitsorganisation nicht geschwächt werden, sagte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums Zhao Lijian in Peking.

Kritik an Zahlungsstopp der USA

Kritik an der Entscheidung von US-Präsident Donald Trump kam auch von zahlreichen anderen Regierungen weltweit, unter anderem von Bundesaußenminister Heiko Maas.

Stichwort: Die Nähe der WHO zu Chinas Führung
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
15.04.2020 12:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 15. April 2020 um 14:00 Uhr.

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