Mitte Januar 2020: Geschlossener Fischmarkt in Wuhan | AFP

Corona-Bewältigung "Diese Katastrophe war vermeidbar"

Stand: 12.05.2021 13:34 Uhr

"Toxischer Cocktail" des Zögerns - die Reaktionen von WHO und Regierungen auf die ersten Corona-Anzeichen waren laut einem Expertengremium verheerend. Ihr Bericht enthält aber auch Verbesserungsvorschläge.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe 2020 zu langsam auf erste Corona-Alarmzeichen reagiert, und die Pandemie hätte verhindert werden können. Das ist das Ergebnis des Berichts eines von der WHO beauftragten Expertenkomitees.

Auch Regierungen kommen in dem Bericht nicht gut weg: Viele Länder hätten im Februar 2020 zu lange gezögert, statt Vorkehrungen gegen die Ausbreitung des Virus zu treffen.

Ein "toxischer Cocktail" aus Zaudern, fehlender Vorbereitung und schlechter Reaktion auf die Krise sei für das dramatische Ausmaß der Pandemie verantwortlich, erklärte die Co-Präsidentin des Gremiums, die Friedensnobelpreisträgerin und ehemalige liberianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf. Dadurch habe sich die jetzige "humanitäre Krise" entwickelt, die die Experten als "Tschernobyl des 21. Jahrhunderts" bezeichnen.

Die WHO-Mitgliedsländer hatten die Expertenkommission 2020 einberufen. Sie sollte Erfahrungen aus dem Umgang mit der Pandemie zusammentragen und Vorschläge für Verbesserungen machen.

Kritik: WHO war Anfang 2020 zu zögerlich

Der WHO wird vorgeworfen, zu Anfang der Pandemie zu sehr auf China gehört zu haben, das die Bedrohung herunterspielte.

China hatte Ende Dezember 2019 über die Häufung einer unbekannten Lungenkrankheit in Wuhan berichtet. Die WHO erklärte erst am 30. Januar 2020 eine "Notlage von internationaler Tragweite", die höchstmögliche Alarmstufe. Diese verpflichtet Länder, Vorkehrungen zu treffen.

Erst am 11. März 2020 sprach die WHO von einer Pandemie. Das hat nach den WHO-Gesundheitsvorschriften anders als die Erklärung der Notlage zwar eigentlich keine Konsequenzen - im Rückblick war dies aber erst der psychologisch notwendige Schritt, um Regierungen ernsthaft in Alarmbereitschaft zu versetzen.

Reiche Länder sollen eine Milliarde Dosen bereitstellen

Um die Corona-Pandemie sofort energischer zu bekämpfen, stellen die Expertinnen und Experten drei Forderungen auf:

Erstens sollten reiche Länder mit genügend Impfstoff bis September zusammen eine Milliarde Impfdosen für 92 ärmere Länder zur Verfügung stellen.

Zweitens sollten Pharmafirmen freiwillig mehr Lizenzen zur Impfstoffherstellung vergeben. Wenn die Produktion damit in den nächsten drei Monaten nicht angekurbelt werde, solle unmittelbar eine Aufhebung der Patente in Kraft treten.

Drittens sollten die G7 sofort 60 Prozent der fehlenden 19 Milliarden Dollar für das Programm ACT Accelerator bereitstellen, das die Erforschung und globale Verteilung von Impfstoffen, Medikamenten und Tests organisieren soll.

Autoren: System taugt nicht für neue Pandemie

Die Autoren kritisieren, das aktuelle System sei zudem ungeeignet zu verhindern, "dass sich mit einem neuen und hoch ansteckenden Erreger, der jeden Augenblick auftauchen könnte, eine Pandemie entwickelt".

Um wiederum auf neue Pandemien besser vorbereitet zu sein, schlägt die Kommission unter anderem einen Rat für Globale Gesundheitsbedrohungen vor. Mitglieder sollten Staats- und Regierungschefinnen und -chefs sein, die das Thema Pandemievorbereitung im weltweiten Fokus halten. Ein neues globales Überwachungssystem von Krankheiten solle der WHO die Möglichkeit geben, bei Bedarf sofort und ohne Rücksprache mit betroffenen Ländern Alarm zu schlagen.

Statt bei der Erforschung etwa von Impfstoffen und Medikamenten auf Marktkräfte zu vertrauen, sei ein Programm nötig, das globale öffentliche Güter schaffe, zu denen alle Länder Zugang haben.

Schließlich schlägt die Kommission einen Pandemie-Fonds vor, der pro Jahr fünf bis zehn Milliarden Dollar (bis 8,2 Milliarden Euro) einsammelt, um Vorkehrungen gegen eine neue Pandemie zu finanzieren.

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 12. Mai 2021 um 13:02 Uhr.