Christine Adelhardt
Interview

Interview mit ARD-Korrespondentin "Auch für chinesische Verhältnisse extrem"

Stand: 01.03.2013 13:41 Uhr

Bei Dreharbeiten in der Provinz sind die Leiterin des ARD-Studios Peking, Christine Adelhardt, und ihr Team von Schlägern brutal angegriffen worden - zum zweiten Mal in sechs Monaten. Im Interview mit tagesschau.de berichtet Adelhardt über den Vorfall und erklärt, warum sich derartige Übergriffe häufen.

tagesschau.de: Wie kam es zu dem Angriff auf Sie und Ihr Team?

Christine Adelhardt: Wir waren in einem Dorf in der Provinz Hebei für einen Beitrag zum Thema Urbanisierung unterwegs - etwa eine Autostunde von Peking entfernt. Dabei hatten wir gleich das Gefühl, dass wir beobachtet werden. Dann sind uns zwei Autos aufgefallen, deren Fahrer miteinander gesprochen haben. Wir haben daraufhin die Dreharbeiten vorsichtshalber abgebrochen. Beim Wegfahren verfolgten uns die beiden Autos. Plötzlich wurden wir von vier, fünf Autos bedrängt und so von der Straße abgedrängt, dass wir anhalten mussten.

Die Verfolger stiegen aus, und zwei von ihnen schlugen mit hölzernen Baseballschlägern auf unseren Wagen ein. Andere versuchten in unser Auto einzudringen. In dieser Situation hatten wir wirklich Angst um unser Leben. Wir haben es dennoch geschafft, wegzufahren und konnten Verkehrspolizisten um Hilfe bitten.

Christine Adelhardt
Zur Person

Christine Adelhardt ist ARD- Fernsehkorrespondentin in Peking. Sie berichtete für die ARD unter anderem aus dem Kosovo, Bosnien, Albanien und Pakistan. Nach Stationen bei der NDR-Sendung "Panorama" und im Studio Washington übernahm sie als Studioleiterin das Büro in Peking.

tagesschau.de: Sie konnten sich bei dem aktuellen Vorfall auch durch die Hilfe lokaler Polizisten aus der gefährlichen Situation befreien. Welche Rolle haben die Behörden dabei gespielt?

Adelhardt: Vor Ort hat die Polizei sehr besonnen reagiert und uns, wie man es erwartet, vor den Schlägern geschützt. Dann wurden wir auf eine Polizeiwache gebracht. Wir wurden 16 Stunden festgehalten, das halte ich für völlig unangemessen. Wir sind klar Opfer einer Gewalttat geworden und wurden danach stundenlang von der Polizei und den Lokalbehörden befragt. Da erwarte ich eine professionellere Reaktion und vor allem, dass man die Geschädigten möglichst schnell nach Hause lässt.

tagesschau.de: Es ist nicht der erste Übergriff auf Ihr Team. Haben Sie das Gefühl, dass Sie in Ihrer journalistischen Arbeit systematisch behindert werden?

Adelhardt: Ich halte den Vorfall für extrem und auch für chinesische Verhältnisse ungewöhnlich. Schwierigkeiten gibt es immer wieder. Gerade für Fernsehteams. Und besonders, je weiter man sich von der Zentralregierung in Peking entfernt. Die Probleme für ausländische Reporter in China insgesamt haben in der letzten Zeit zugenommen. Auch andere Kollegen berichten von Übergriffen. Das liegt vor allem daran, dass wir als Journalisten häufig Zeugen für Machenschaften von lokalen Kadern sind - deshalb sind wir bei den Lokalregierungen nicht besonders beliebt.

tagesschau.de: Auch andere ausländische Journalisten in China berichten von Übergriffen - vor allem durch lokale Behörden auf dem Land. Hat sich die Situation für ausländische Journalisten in der letzten Zeit verschlechtert?

Adelhardt: Ja, ich denke schon. Zum einen gibt es auf dem Land eine weit verbreitete Korruption - die hat es schon immer gegeben. Gleichzeitig hat die Regierung in Peking aber dieser Korruption den Kampf angesagt. Der Druck auf lokale Funktionäre ist extrem hoch und damit offensichtlich auch deren Aggressionspotenzial.

tagesschau.de: Die Aktionen gegen ausländische Journalisten sind also nicht zentral aus Peking gesteuert?

Adelhardt: Nein, auf keinen Fall. Es ist auch wichtig, das zu betonen: Solche Vorfälle schädigen das Ansehen Chinas und das ist nun wirklich nicht im Interesse der Regierung.

tagesschau.de: Als Leiterin des ARD-Studios Peking tragen Sie ja auch Verantwortung für Ihre deutschen und chinesischen Mitarbeiter. Welche Konsequenzen ziehen Sie aus dem erneuten Übergriff auf Ihr Team?

Adelhardt: Wir sind immer vorsichtig in der Frage, wo wir hinfahren und wen wir mitnehmen. Unsere chinesischen Kollegen sind dabei am meisten bedroht - wir genießen ja noch einen gewissen Ausländer-Bonus. Wir können nicht viel mehr machen, als bei der Arbeit noch vorsichtiger zu sein, uns noch genauer abzusprechen und noch wachsamer zu sein. Klar ist, dass man nach solchen Vorfällen mit einem unguten Gefühl losfährt und hofft, mit einem guten Gefühl heil zurückzukommen.

Das Interview führte Peer Junker, tagesschau.de

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KOMMENTARE

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Dr.Kawasaki 01.03.2013 • 21:33 Uhr

@kochanchik

"Hat man schon mal überlegt, dass westliche Journalisten auch beim Volk in China unbeliebt sind?...Wenn man sich Berichte insbesondere über Russland und China ansieht, dann braucht es absolut niemanden zu wundern warum das so ist." Tja. Dann verstehen die russischen und chinesischen "Wutbürger" nicht, worüber berichtet wird in Deutschland. Kein Wunder - die können sich dank Nachrichtenkontrolle ja gar nicht neutral informieren in ihren Heimatländern! Jedenfalls wird in Deutschland kein russischer oder chinesischer Normalbürger beschimpft. Es ist immer nur die russ. und chin. Politik, die kritisiert wird - und die übrigens den Bürgern dort selbst schadet!