Große Bereiche des Regenwaldes nahe Porto Velho, Brasilien, brennen. | JOEDSON ALVES/EPA-EFE/REX
Interview

Brände im Amazonas-Regenwald "Hier gehört überhaupt kein Feuer hin"

Stand: 27.08.2019 18:37 Uhr

Wie dramatisch sind die Feuer im Amazonas-Regenwald? Der Waldbrand-Experte Johann Georg Goldammer erklärt im Interview, welche Rolle der Klimawandel spielt und was er Brasiliens Präsident Bolsonaro raten würde.

tagesschau24: Sie beobachten von verschiedenen Punkten weltweit die globalen Brände. Was genau machen Sie mit dem Global Fire Monitoring Center, gerade auch in einer so aktuellen Situation wie jetzt?

Johann Georg Goldammer: Wir beobachten die Brände in Brasilien, indem wir Satelliten-Informationen von der NASA oder dem Deutschen Institut für Luft und Raumfahrt nutzen. Aber was wir eigentlich monitoren, ist die Politik beziehungsweise die Maßnahmen, die in den Ländern ergriffen werden - um etwa solchen großen Brandlagen vorzubeugen und diese zu vermeiden, oder da, wo es auch notwendig ist, Feuer gezielt einzusetzen. Viele Ökosysteme brauchen das Feuer. Das sind die Dinge, wo wir beratend auf die Länder einwirken, auch mithilfe von internationalen Organisationen.

tagesschau24: Sie sagen, die Ökosysteme brauchen die Feuer. Trotzdem: Wie dramatisch ist die Situation in Brasilien zurzeit für den Regenwald?

Goldammer: Die ganze Feuerszene, die wir aus dem Weltraum sehen, ist sehr facettenreich. Es gibt südlich des Amazonas-Beckens oder auch in Teilen Boliviens sehr viele Savannen-artige Ökosysteme, ähnlich wie in Afrika, das sind Baum- und Grassavannen. Es gibt etwa Palmsavannen, die brennen eigentlich alle paar Jahre. Die Vegetation hat sich sehr gut angepasst. Dann gibt es Felder, die dort brennen, die bewusst mit Feuer gereinigt werden. Wenn wir dann aber in den Amazonas-Regenwald gehen, da fängt das große Problem tatsächlich an. Denn hier gehört überhaupt kein Feuer hin.

Zur Person

Johann Georg Goldammer ist Direktor des von den Vereinten Nationen koordinierten Global Fire Monitoring Center in Freiburg. Derzeit befindet er sich in Sibirien und war im Interview mit tagesschau24 per Skype zugeschaltet.

tagesschau24: Nun ist der Kampf gegen die Flammen sehr schwer. Müsste Brasiliens Präsident Bolsonaro da nicht sofort die Hilfe der G7 und auch Deutschlands annehmen, statt zu zögern?

Goldammer: Es ist ja offensichtlich, dass das Ganze ein Politikum ist. Und das ist eigentlich traurig, dass beispielsweise das Schicksal des Regenwaldes so ein Spielball der Politik wird. Der brasilianische Präsident wäre sehr gut beraten, sich wiederum von seinen eigenen Fachleuten beraten zu lassen und eine Politik in die Richtung zu bringen, dass er den Amazonas im Sinne und im Interesse seines eigenen Landes schützt - statt zu sagen: "Der Regenwald und der Amazonas gehören uns und den wollen wir nutzen." Denn wenn der Amazonas-Regenwald eine Auswirkung etwa auf das globale Klima hat, dann hat er das zunächst mal sehr stark auf Brasilien selbst. Bolsonaro müsste eigentlich im Interesse seines eigenen Landes handeln. Und wenn jetzt aus Solidarität die G7 um die 20 Millionen Dollar zur Verfügung stellen, dann sollte er eigentlich im Gegenzug daraus auch einen Akt der Diplomatie machen und die Hilfe durchaus annehmen. Und dann natürlich im Detail darüber sprechen, was man mit diesem Geld macht.

tagesschau24: Wo sehen Sie ganz konkret die Ursache in diesem Fall? Woher stammen die Feuer und welche Rolle spielt der Klimawandel womöglich?

Goldammer: Ganz besonders problematisch sind die Feuer, die in Folge der Umwandlung von noch bestehendem und funktionierendem Regenwald gelegt werden - um ihn beispielsweise in Soja- oder Zuckerrohrplantagen umzuwandeln oder in Weidegebiete, wo dann die Fleischproduktion für Europa stattfinden soll. Das ist sicherlich ein ganz großer Fehler. Was jetzt im Zuge des Klimawandels passiert, ist, dass viele dieser Landnutzungsfeuer sehr leicht großflächig außer Kontrolle geraten und dann sogar in den stehenden benachbarten Regenwald hinein brennen. Da wiederum können das Militär, die Feuerwehr und die Freiwilligen eine Menge machen. Und hier könnte der Präsident einfach diese Geste wahrnehmen, international sich für dieses Geld Geräte beschaffen lassen. Es sind Handgeräte, mit denen die Leute in den Wald reingehen und diese Bodenfeuer ausmachen können. Die Fachleute würden den Präsidenten oder auch die Geberländer gerne beraten, wie man mit dieser Situation umgeht.

Das Interview wurde für die schriftliche Fassung gekürzt und redigiert. Die Fragen stellte Julia-Niharika Sen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. August 2019 um 15:00 Uhr.