US-Truppen im Irak. | AHMED MARDNLI/EPA-EFE/REX

Nach mehr als 18 Jahren US-Kampfeinsatz im Irak endet

Stand: 31.12.2021 08:34 Uhr

Nach mehr als 18 Jahren endet heute der Kampfeinsatz der USA im Irak. Doch das bedeutet nicht das Ende der US-Präsenz im Irak. Dafür sind beide Seiten immer noch viel zu sehr voneinander abhängig.

Von Tilo Spanhel, ARD-Studio Kairo

Als im Juli US-Präsident Joe Biden und Iraks Premier Minister Mustafa al-Kadhimi das Ende des Kampfeinsatzes bekannt gaben, kamen aus dem Irak positive, aber auch mahnende Reaktionen: "Ich gratuliere dem Ministerpräsidenten zu diesem Erfolg und danke ihm für seine Anstrengungen", schrieb der Sprecher des Parlaments und Angehöriger der sunnitischen Al-Hal-Partei, Muhammad al-Halbousi, auf Twitter.

Gleich mehrere schiitisch geprägte Parteien lobten damals die Ankündigung aus Washington. Die Al-Fateh-Allianz schrieb, es sei ein positiver Schritt. Nun könne man die volle nationale Souveränität des Iraks erreichen.

In der Bevölkerung blicken mittlerweile viele überwiegend optimistisch in die Zukunft: "Wir haben jetzt mehr Möglichkeiten. Wir können unsere Zukunft und unsere Entscheidungen jetzt selbst kontrollieren", meint ein Passant. Ein anderer sagt: "Die Auseinandersetzungen mit dem IS in den letzten Monaten haben mir gezeigt, dass unsere irakischen Sicherheitskräfte in der Lage sind, ihr Land zu verteidigen."

IS könnte sich in Machtvakuum drängen

Es gibt aber auch Kräfte, die sich immer wieder gegen einen Abzug der US-Amerikaner aussprachen. So profitieren vor allem sunnitische Gruppen und die Kurden vom Schutz der US-Truppen.

Hamza Mustafa, ein irakischer Politikwissenschaftler aus dem von den Kurden kontrollieren Erbil, mahnte nach der Ankündigung im Sommer in einem Fernsehinterview zu Besonnenheit. Ein komplettes Ende des US-Einsatzes könnte große Risiken mit sich bringen:

Wenn das so kommen würde, dann könnte das ein Machtvakuum hinterlassen. In das werden unterschiedliche Akteure hineindrängen. Darunter sicherlich auch der IS. Am Ende könnte es ähnlich laufen, wie beim US-Abzug in Afghanistan, wo die Taliban immer stärker werden. Die Angst davor ist real und wird von vielen angesprochen.

Kampfeinsatzende hat symbolische Bedeutung

Die Anzahl der US-Soldaten und -Soldatinnen hat sich seit der Ankündigung im Sommer praktisch nicht verändert. Noch immer sind etwa 2500 von ihnen im Irak stationiert. Anders als in Afghanistan ist also das Ende des Kampfeinsatzes noch lange nicht das Ende der US-Präsenz im Irak.

"Was es wirklich bedeutet, ist, dass wir den irakischen Sicherheitskräften die Hauptaufgabe übertragen haben, gegen den IS vorzugehen", sagt Mathew Tueller, US-Botschafter im Irak, in einem Fernsehinterview. "Die USA und ihre Partner werden den Irak auch weiter unterstützen. Durch Informationen und Beratung. Und wir werden in den militärischen Einsatzzentren bereitstehen."

Das offizielle Ende des Kampfeinsatzes werde, so hieß es aus Washington, keine größere Veränderung mit sich bringen. Die Ankündigung Bidens hat vor allem eine hohe symbolische Bedeutung.

Sechzig Raketenangriffe auf US-Truppen

Die US-Präsenz im Irak stößt schon seit langem nicht mehr nur auf Gegenliebe. In einer nicht bindenden Abstimmung forderte bereits im Januar 2020 eine Mehrheit der irakischen Abgeordneten, das US-Militär aus dem Irak zu verbannen. Außerdem gibt es immer wieder Raketenangriffe auf US-Truppen. Alleine sechzig waren es in der ersten Jahreshälfte.

Experten vermuten hinter einem Großteil der Angriffe vom Iran unterstützte Milizen. "Wir sind nicht hier, um gegen die sogenannten Widerstandskräfte und Milizen zu kämpfen", so Tueller. "Aber wir werden uns verteidigen, wenn wir angegriffen werden."

Parlamentswahl im Irak rechtmäßig

Die Unzufriedenheit und Spaltung in der irakischen Gesellschaft ist groß. Im Frühjahr hatte es Massenproteste gegeben. Die Demonstrierenden warfen ihrer Führung Misswirtschaft und Korruption vor. Daraufhin wurden im Oktober vorgezogene Neuwahlen durchgeführt.

Erst vor einigen Tagen erkannte das irakische Bundesgericht die Ergebnisse der Parlamentswahl als rechtmäßig an und bestätigte so den Sieg des schiitischen Geistlichen Muktada al-Sadr. Er hatte sich immer wieder gegen die US-Präsenz im Land ausgesprochen.

Ob das Ende des Kampfeinsatzes wirklich zu Veränderungen beiträgt oder ob es lediglich bei einer symbolischen Ankündigen bleibt, das wird sich erst noch zeigen müssen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Dezember 2021 um 13:00 Uhr.