Taliban stehen vor dem Eingang zum Flughafen Kabul. | EPA

Türkei und der Flughafen Kabul Eine verlockende, aber heikle Mission

Stand: 02.09.2021 04:55 Uhr

Neben Katar ist auch die Türkei als Betreiber des Flughafens Kabul im Gespräch. Einige Punkte sprechen aus Sicht von Präsident Erdogan dafür - doch über die Konditionen ist er sich mit den Taliban alles andere als einig.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Der Kabuler Flughafen ist das wichtigste Nadelöhr Afghanistans zur Welt. Tausende Flüchtlinge konnten darüber in den letzten Wochen das Land noch verlassen - jetzt ist er dicht. Die Türkei ist neben Katar im Gespräch als neuer Betreiber. Sie hat den Flughafen schon in den vergangenen Jahren im Rahmen der NATO-Mission gesichert, und auch weitere Punkte sprechen dafür. Aber man ist sich mit den Taliban über die Konditionen alles andere als einig.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Die türkisch-afghanischen Beziehungen gehen weit zurück. Der ehemalige afghanische König Aaanullah Kahn orientierte sich bei Reformen beispielweise am türkischen Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk. Sie sollen sogar Freunde gewesen sein, schreiben regierungsnahe türkische Medien in diesen Tagen.

Ein Taliban-Sprecher erklärt vor Kurzem, man wünsche ein gutes Auskommen mit der Türkei, die Länder seien doch Brüder im Glauben. Beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan klingt das ähnlich, wenn er über die Taliban spricht: "Die Türkei hat, was den Glauben angeht, keine Probleme", sagte er. "Und weil das so ist, nehme ich an, dass wir mit ihnen einfacher reden und einfacher zu einer Einigung kommen können."

Jahrelange Erfahrung

Einfacher als beispielsweise die USA. Die Türkei ist neben Albanien das einzige NATO-Mitglied mit einer überwiegend muslimischen Bevölkerung. Sie könnte also als Mediator fungieren. Das würde ihre Rolle in der NATO stärken - und das könnte wohl auch das strapazierte Verhältnis zu den USA wieder etwas entlasten.

Den Flughafen in der afghanischen Hauptstadt Kabul zu betreiben, scheint da perfekt zu passen. Die türkische Armee hat schon jahrelange Erfahrung dort, im Rahmen der NATO-Mission war sie mit für die Sicherheit zuständig. Aber das Angebot der Taliban hat seine Tücken: "Sie haben vorgeschlagen, dass sie die Sicherheit des Flughafens übernehmen und die Türkei den Flughafenbetrieb", sagte Erdogan. "Darüber haben wir noch nicht entschieden. Denn noch ist die Sicherheit nicht gewährleistet, es ist dort lebensgefährlich."

Türkei: Sicherheit hat Priorität

Erdogan will auf keinen Fall mit einem weiteren möglichen Blutbad am Kabuler Flughafen in Verbindung gebracht werden. Es sind Reparaturen beispielsweise am Tower und den Terminals nötig. Die Türkei muss ziviles Personal schicken. Immer wieder wird die staatliche Fluglinie Turkish Airlines genannt, aber auch andere private Betreiber sind denkbar. Die türkische Regierung betont, die Sicherheit der Mitarbeiter habe oberste Priorität. Die Taliban wollen aber keine türkischen Soldaten mehr im Land.

Der Flughafen ist wichtig, um beispielsweise Ortskräfte, die für den Westen gearbeitet haben, auszufliegen. Das hat auch der deutsche Außenminister Heiko Maas bei seiner Reise durch die Region deutlich gemacht. Ob die sich aber dorthin wagen, wenn die Taliban, vor denen sie ja eigentlich fliehen, den Einlass kontrollieren, ist fraglich.

Viele Türken wollen nicht noch mehr Flüchtlinge

Über Kabul sollen aber auch Hilfsgüter nach Afghanistan gelangen. Erdogan hat großes Interesse daran, Afghanistan zu stabilisieren und zu vermeiden, dass noch mehr Flüchtlinge in sein Land kommen. Da leben nach seinen Angaben schon 300.000, inoffiziell ist von deutlich mehr die Rede.

"Die Türkei hat nicht die Aufgabe, Verantwortung oder Verpflichtung, das Flüchtlingslager Europas zu sein", sagte Erdogan kürzlich. Er kann es sich rein innenpolitisch auch nicht mehr leisten, sich das etwa von der EU bezahlen zu lassen. Viele Türken wollen nach den rund 3,7 Millionen Syrern in ihrem Land nicht noch mehr Flüchtlinge, auch nicht gegen Geld.

Erdogan wittert aber auch die Chance, das machtpolitische Vakuum, das die USA in Afghanistan hinterlassen, für sich zu nutzen, wie er es schon beispielweise in Nordsyrien getan hat. Auch da kooperiert er mit Islamisten. Der oppositionelle Politikwissenschaftler Ahat Andican fragte empört im türkischen Fernsehen:

Eine radikale, mit terroristischen Methoden arbeitende Organisation wie die Taliban - die im 21. Jahrhundert nichts gemein haben mit den Werten der zivilisierten Welt, seien es Menschenrechte, Frauenrechte, Demokratie und so weiter - soll als Gegenleistung für die Kontrolle des Flughafens mit internationaler Anerkennung belohnt werden?

Erdogan: Haben keine Eile

Neben mehr politischem Einfluss in der Region verfolgt die Türkei auch wirtschaftliche Interessen in Afghanistan. Das sieht zumindest der konservative Journalist Güngör Yavuzarslan so, und erklärte im Fernsehen: "Unsere Unternehmen sind dort präsent. Die Türkei sollte unter Berücksichtigung der Risiken, aber auch der Vorteile, dort bleiben, ob mit dem Nachrichtendienst, dem Militär oder mit einer Reihe von Wirtschaftsunternehmen."

Auch hier hat die Türkei schon Erfahrungen beispielsweise in Nordsyrien gesammelt. Trotzdem zögert Erdogan. Man habe keine Eile, Flüge nach Kabul aufzunehmen, sagt er vergangene Woche.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. September 2021 um 05:10 Uhr.