Ein Tuberkulose-Patient in Pakistan bei einem Atemtest. | EPA

Corona-Pandemie "Renaissance" der Tuberkulose-Gefahr

Stand: 21.06.2021 04:05 Uhr

Fast ein Viertel der Weltbevölkerung ist mit Tuberkulose infiziert - und die Corona-Pandemie warf die WHO-Ausrottungsziele über den Haufen. Ein deutscher Professor warnt mit Fachleuten vor der Gefahr einer weiteren Tbc-Ausbreitung.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Tuberkulose hat wenig mit unseren womöglich romantisierten Vorstellungen von Schwindsucht zu tun, von Mimi in "La Bohème" oder Violetta in "La Traviata" - die Wirklichkeit ist schonungslos, sagt Professor Gerhard Grüber von der Nanyang Technological University in Singapur: "Tuberkulose ist eine Krankheit, die wirklich unter uns ist. Wenn wir hinschauen: 1,8 Milliarden Menschen, nahezu ein Viertel der Weltbevölkerung ist infiziert!" Grüber ist sich der Bedrohung durch Covid-19 bewusst, aber er möchte es ins Verhältnis rücken gegenüber einer der verbreitetsten bakteriellen Infektionskrankheit der Welt.

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Besonders in Indien, Indonesien, China, Südafrika, Pakistan oder auf den Philippinen wütet sie noch. Und wenn jeder vierte Mensch weltweit schlummernde Tuberkulose-Erreger in sich trägt, wenn es jedes Jahr zehn Millionen neue Fälle gibt, im Jahr 2019 alleine 1,7 Millionen Tote, dann heißt das laut Grüber: "Es wird wirklich klar, dass die Pandemie im negativen Sinne eine Renaissance der Tuberkulose hervorgerufen hat."

Präventionsziele werden nicht erreicht

2018 sagten die Vereinten Nationen mit den G7 und den G20 der Krankheit den Kampf an, die Weltgesundheitsorganisation wollte sie bis 2030 ausrotten.

"Dann kommt das Jahr 2021", sagt Grüber, "und wir sehen ganz klar, auch im Zusammenhang mit Covid-19, dass man das Ziel wahrscheinlich nicht erreichen wird. Und das geht einher damit, dass man Prävention nicht einhalten kann - und natürlich auch nicht die Behandlung, und zwar weltweit."

Gerade in ärmeren Ländern ist der Verlust an Vorsorge und Behandlung von Tuberkulose-Kranken verheerend. Die Konsequenzen für die Tuberkulose-Bekämpfung sind laut Weltgesundheitsorganisation niederschmetternd: Im Jahr 2020 wurden schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen weniger wegen Tuberkulose behandelt als 2019. Es werden nicht nur weiterhin jährlich anderthalb Millionen Menschen an Tuberkulose sterben, sondern die Krankheit wird bis 2025 noch zusätzliche anderthalb Millionen Opfer fordern.

Zwei Drittel aller Tuberkulose-Programme sind unterbrochen, die Sicherheitslabore, die sonst für Tests und die Forschung an Tbc im Einsatz sind, werden alle für Covid 19 gebraucht.

Gerade ärmere Staaten brauchen Zugang

Das Bewusstsein für die weltweit wichtigste bakterielle Infektionskrankheit gehe verloren, sagt Grüber. Und weil eben auch alle Konferenzen zur Tuberkulose-Forschung abgesagt wurden, wurde er aktiv: Gemeinsam mit anderen Forschungseinrichtungen organisierte der Tuberkulose-Forscher eine virtuelle Konferenz, bei der sich 747 Teilnehmer aus 39 Ländern trafen. Ende Mai ging es drei Tage lang um neue Wege, Tuberkulose-Medikamente zu entwickeln.

Dank eines mobilen Zugangs via Handy konnten auch diejenigen teilnehmen, die keinen Computer haben, die sich Reisen zu den großen Konferenzen sonst nicht leisten können - denn gerade in ihren Ländern ist der Kampf gegen Tuberkulose am wichtigsten.

"Wir haben neue Einsichten von Abwehrmechanismen des Menschen und des Erregers gesehen, die wurden dort vorgestellt, neue Wirkstoffe und neue Kombinationen von Wirkstoffen wurden präsentiert", erzählt er. Und das Interesse von Pharmaunternehmen drücke sich bereits auch in vergebenen Lizenzen aus.

"Der Optimist darf nie sterben"

Multiresistenzen sind ein großes Problem. Und weil das Bakterium in Grübers Worten "unwahrscheinlich clever" ist, fordert eine erfolgreiche Bekämpfung einen interdisziplinären Ansatz. Ein Medikamentencocktail muss vieles vermögen, Nanoträger werden gebraucht, um zu dem Bakterium vorzudringen - und, nicht zu vergessen, das, was ein Viertel der Weltbevölkerung betrifft: die schlummernden Erreger.

So wie das Bakterium neue Wege und Nischen des Überlebens entwickelt, muss sich auch die Forschung in die Zukunft orientieren. Mit virtuellen Treffen, mit neuer Kommunikation und Kooperationen zwischen forschenden Teams wie dem von Grüber und dem Forschungszentrum Borstel. So können Rückschläge wie die Corona-Pandemie im Kampf gegen Tuberkulose wieder aufgeholt werden.

"Wir müssen auch verhindern, dass diese Erreger, die in uns schlafen, jemals wieder wachwerden. Das ist die große Gefahr, und darum auch eine fast schon hoffnungslose Aufgabe", sagt Grüber dazu. "Aber der Optimist darf nie sterben!"

Über dieses Thema berichtete SWR2 am 18. Juni 2021 um 16:05 Uhr.