Passanten auf einer Straßenkreuzung in Tokio (Japan) | REUTERS

Japan und die Pandemie Denn sie wissen nicht, was sie tun sollen

Stand: 30.07.2021 11:20 Uhr

Noch nie war die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Tokio so hoch wie jetzt während der Olympischen Spiele. Dabei gilt seit mehr als zwei Wochen wieder ein Notstand. Die Verantwortlichen stehen vor einem Rätsel.

Von Julia Linn, ARD-Studio Tokio

Seit Tagen meldet Tokio einen neuen Corona-Höchststand nach dem anderen. 3865 Fälle wurden am Donnerstag gezählt, in ganz Japan wurde erstmals die Marke von 10.000 Neuinfektionen innerhalb eines Tages durchbrochen. Auch im Umfeld der Olympischen Spielen steigen die Zahlen: Insgesamt wurden bislang 220 Infizierte gemeldet, davon 27 allein an diesem Freitag - ebenso ein neuer Höchstwert.

Julia Linn ARD-Studio Tokio

Laut Umfragen war zu Beginn der Spiele noch immer mehr als die Hälfte der Menschen in Japan für eine Absage der Spiele. 68 Prozent waren der Meinung, dass keine sicheren Spiele gewährleistet werden könnten. Hat sich diese Sorge bewahrheitet?

Verantwortliche überrascht

Ausschließen kann Atsushi Katayama das zumindest nicht, es sei möglich, dass die hohen Zahlen auch mit Olympia zusammenhängen. Katayama ist in Tokio für die Koordinierung von Anti-Corona-Maßnahmen zuständig, etwa für Corona-Impfungen. "Der Anstieg war unerwartet, wir hatten nicht mit so hohen Infektionszahlen gerechnet." Es sei unklar, wie es dazu kommen konnte.

Dabei hatten Fachleute schon Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele vor einem Anstieg der Delta-Variante gewarnt. Mittlerweile liegt der Anteil der hochansteckenden Mutante bei allen Fällen in Tokio bei etwa 70 Prozent - den wissenschaftlichen Prognosen entsprechend.

Auch im Hinblick auf die Fälle innerhalb der Olympia-Blase bestehe noch viel Unklarheit, so Katayama. Man wisse bisher nicht, ob sich die Menschen in Japan angesteckt hätten oder ob sie bereits infiziert eingereist seien. Dabei hat Japan für alle Olympia-Beteiligten aus dem Ausland strenge Regeln festgelegt: Bei der Abreise muss ein aktueller negativer PCR-Test vorgelegt werden, direkt nach der Ankunft folgt der nächste, danach gilt eine zweiwöchige Quarantäne. Regelmäßige Coronatests bleiben während des gesamten Aufenthalts Pflicht.

Japans Premierminister Yoshihide Suga bestreitet indes einen Zusammenhang zwischen den Olympischen Spielen und den steigenden Zahlen in Tokio. Es bestehe wegen Olympia kein Grund zur Sorge, denn durch das Zuschauerverbot an den meisten Austragungsorten gebe es auch weniger Bewegung und Kontakte.

Schwierige Suche nach Maßnahmen

Da die hohen Zahlen die Verantwortlichen überrascht hätten und man bei der Suche nach Ursachen noch im Dunkeln tappe, sei es schwierig, die richtigen Maßnahmen zu finden, so der Beauftragte für Anti-Corona-Maßnahmen, Katayama. Aktuell gilt in Tokio ein Notstand, aber der scheint nicht ausreichend Wirkung zu zeigen: Bürger sind aufgerufen, zu Hause zu bleiben, Restaurants und Bars dürfen keinen Alkohol ausschenken und sollen spätestens um 20 Uhr schließen. Viele Gastronomen halten sich aber nicht daran, denn sie fürchten große Verluste durch das Alkoholverbot.

Die Gouverneurin von Tokio, Yuriko Koike, sieht vor allem die Restaurantbesucher in der Pflicht. Bei einer Pressekonferenz am Mittwoch sagte sie, das Verhalten junger Menschen sei der Schlüssel - denn unter ihnen steigen die Zahlen besonders stark. Koike forderte deshalb vor allem Jüngere auf, sich impfen zu lassen.

Besucher sitzen in Tokio (Japan) vor einer Bar | AP

Notstand? Kein Grund, zu schließen oder keinen Alkohol mehr auszuschenken - so jedenfalls halten es viele Bars in Tokio. Bild: AP

Es mangelt an Impfstoff

Dass gerade junge Menschen sich impfen lassen möchten, daran hat Impfkoordinator Katayama keine Zweifel. Viele Universitäten würden sich bei ihm melden, um Impfaktionen zu planen, das Interesse sei groß. Allerdings macht Japan noch nicht allen Bürgern ein Impfangebot, dafür mangelt es an Impfstoff. Beim Impfen will man jetzt dennoch Tempo machen.

So wird beispielsweise an sechs Stellen in Tokio geimpft, an denen eigentlich Tausende zusammen Wettkämpfe hätten verfolgen sollen - Pandemie-Bekämpfung statt Public Viewing. Aktuell werden dort Feuerwehrleute, Polizisten, Tierärzte und auch Olympia-Mitarbeiter geimpft. Letzteren wurde schon vor den Spielen ein Impfangebot gemacht, nun geht es um die Zweitimpfungen.

"Ich hätte es besser gefunden, wenn schon mehr Menschen vor Olympia zweifach geimpft worden wären", so Katayama. Aber dafür hätten die Impfdosen nicht ausgereicht. Aktuell ist gut jeder vierte Japaner geimpft. Im Olympischen Dorf hingegen liegt die Impfquote nach Angaben der Olympia-Organisatoren bei 80 Prozent.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Juli 2021 um 22:50 Uhr.