Khalil Haqqani (2. von links), der von den Taliban beauftragte Minister für Flüchtlinge, mit anderen Regierungsmitgliedern und Kommandeuren. | AFP
Interview

Afghanistan "Taliban mitten in einem Machtkampf"

Stand: 27.11.2021 02:48 Uhr

Nach der Einnahme Afghanistans tobt im Inneren der Taliban ein Machtkampf. Auch der IS und weitere Milizen seien im Land aktiv, sagt Autor Ahmed Rashid und führt aus, welche Schlüsse der Westen daraus ziehen sollte.

ARD: Gibt es einen Machtkampf unter den Taliban in Afghanistan? 

Ahmed Rashid: Ich glaube, die Taliban befinden sich mitten in einem Machtkampf. Das war bereits bei der Kabinettsbildung der Übergangsregierung zu sehen - an der Art und Weise, wie sich die Hardliner in der vordersten Reihe der Taliban-Regierung positioniert und die Gemäßigten beiseite gedrängt haben. Mullah Abdul Ghani Baradar hat das Doha-Abkommen zwischen den USA und den Taliban ausgehandelt. Er selbst aber tritt gar nicht mehr in Erscheinung, wenn ausländische Delegationen Kabul besuchen. Dabei ist er eigentlich stellvertretender Premierminister. Im Kabinett haben die Haqqanis (Sie führen ein militantes Netzwerk, das Terroranschläge vorbereitet und begangen hat, Anmerkung der Redaktion) die Oberhand gewonnen. Die gemäßigten Taliban-Kräfte fürchten, getötet oder inhaftiert zu werden. Sie haben keinen wirklichen Schutz. Das ist auch ein Grund, warum Afghanistan keine direkte Hilfe von westlichen Staaten außen bekommt. 

Ahmed Rashid | Ahmed Rashid
Zur Person

Ahmed Rashid ist ein britisch-pakistanischer Journalist und Schriftsteller. Er verfasste mehrere Bücher zu Afghanistan, unter anderem "Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch" und "Am Abgrund. Afghanistan und der Westen".

ARD: Welche Folgen hat es, wenn der extrem militante Taliban-Flügel so einflussreich ist?

Rashid: Die Gemäßigten sind eher bereit, einen Dialog zu führen. Auf sie kann man Druck ausüben. Die Hardliner akzeptieren das nicht. Sie sind aber diejenigen, die die Fäden in der Hand halten. Die US-Amerikaner und die NATO-Länder haben ein echtes Problem mit den Haqqanis, die dort als Terroristen auf Fahndungslisten stehen. Auf ihren Anführer Sirajuddin Haqqani (Afghanistans Innenminister, Anmerkung der Redaktion) haben die USA ein Kopfgeld von zehn Millionen Dollar ausgesetzt: Er ist laut Fahndungsschreiben für die Ermordung Dutzender afghanischer Zivilisten und Soldaten sowie für die Entführung von Ausländern verantwortlich. Wie soll die Taliban-Regierung international akzeptiert werden, wenn die Haqqani-Gruppe weiter im Kabinett sitzt und an der Macht bleibt?

Ein US-Fahndungsgesuch nach Haqqani-Anführer Sirajuddin Haqqani - im Hintergrund: US-Senator Rick Scott. | AFP

Ein US-Fahndungsgesuch nach Haqqani-Anführer Sirajuddin Haqqani - im Hintergrund: US-Senator Rick Scott. Bild: AFP

"Keine Maßnahmen gegen Terrorakte im Ausland"

ARD: Es gab eine Reihe von Selbstmordattentaten in Afghanistan. Der regionale Ableger des sogenannten Islamischen Staates, ISIS-Khorasan, hat die Verantwortung übernommen. Wie bewerten Sie das? 

Rashid: ISIS-Khorasan war vorher eine sehr kleine und unbedeutende Gruppe in Afghanistan. Dann haben die Taliban in Doha mit den USA ein Abzugsabkommen geschlossen. ISIS sagt, dass die Taliban damit das Prinzip des Dschihad verraten, mit dem Westen und der NATO paktiert hätten. Viele Selbstmordattentäter von ISIS-Khorasan wurden von den Haqqanis ausgebildet. Ihr Netzwerk ist die größte Selbstmordbombenfabrik in Afghanistan. Es bildet nicht nur junge Leute als Attentäter aus. Es stellt auch Bomben und Minen her und alles, was man für Anschläge braucht. Es sieht danach aus, dass ein Teil der Taliban offenbar gegen ISIS-K vorgeht, der andere Teil aber mit ISIS-K zusammenarbeitet und sie auch logistisch bei Selbstmordattentaten unterstützt. Die Taliban waren bisher nicht in der Lage, die zunehmenden ISIS-Aktivitäten zu stoppen.

ARD: Welche Rolle spielen andere militante Gruppen in Afghanistan?

Rashid: Es gibt Dutzende von extremistischen Gruppen, die in Afghanistan sehr aktiv sind. Es gibt Gruppierungen aus Pakistan, die sehr mächtig sind. Dazu gehören die pakistanischen Taliban, die in Afghanistan Zuflucht gefunden haben. Es gibt militante Gruppen aus den zentralasiatischen Ländern Usbekistan und Tadschikistan - und außerdem Kämpfer, die in Syrien gekämpft haben und dort Kampftaktiken und den Bau von Bomben gelernt haben. Es gibt Uiguren. Die chinesische Regierung verfolgt die Uiguren in China und steckt viele von ihnen zur Umerziehung in Gefangenenlager - und fordert von den Taliban, dass sie die Uiguren in Afghanistan nach China ausliefern. Dort würden sie wahrscheinlich hingerichtet.

Die Taliban versichern, dass sie keiner Gruppe erlauben würden, Terrorakte gegen Nachbarländer von Afghanistan aus zu verüben. Aber bisher sehen wir keine Maßnahmen, die von den Taliban ergriffen wurden, um das zu verhindern. Viele dieser Gruppen haben mit den Taliban gekämpft, sie sind ihre Verbündete.

"Anerkennungsfrage sollte aufgeschoben werden"

ARD: Was würde aus Afghanistan werden, wenn das Haqqani-Netzwerk die Macht vollständig übernähme?

Rashid: Ich denke, die Menschen würden verhungern. Ich sehe nicht, dass der Westen oder andere Großmächte die nötige humanitäre Hilfe leisten, wenn die Taliban militanter und kriegerischer werden.

Ich hoffe, dass auch die Taliban das erkennen, damit weiter Lebensmittel ins Land kommen. Wir haben bereits eine Flut von Flüchtlingen gesehen - aber bei Beendigung der humanitären Hilfe werden wir eine weitere Flut erleben. Noch mehr werden sich auf den Weg nach Europa machen. Pakistan und der Iran haben ihre Grenzen weitgehend geschlossen und weigern sich, noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Westen einen Dialog mit den Taliban führen sollte, damit humanitäre Hilfe geleistet werden kann. Die Frage der Anerkennung des Taliban-Regimes sollte aufgeschoben werden, auch wenn die Taliban sie einfordern. Und es sollten international eingefrorene Gelder freigegeben werden, um die Gehälter von Ärzten, Krankenschwestern, Lehrern und Regierungsangestellten zu zahlen, die seit Monaten ausstehen.

Das Interview führte Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. November 2021 um 23:39 Uhr.