Taliban-Kämpfer stehen Wache. | AFP

Human Rights Watch "Taliban töten Sicherheitskräfte"

Stand: 30.11.2021 14:07 Uhr

Bei ihrer Machtübernahme in Afghanistan hatten die Taliban eine Amnestie angekündigt. Dennoch übten sie Vergeltung, berichtet Human Rights Watch. Mehr als 100 Ex-Sicherheitskräfte seien getötet worden oder verschwunden.

Taliban-Kämpfer haben nach einem Bericht von Human Rights Watch seit ihrer Machtübernahme in Afghanistan mehr als 100 frühere Polizei- und Geheimdienstangehörige getötet oder verschwinden lassen. Die Menschenrechtsorganisation wies in ihrem Bericht auf fortgesetzte Vergeltungsmaßnahmen gegen die Streitkräfte der gestürzten Regierung hin - trotz einer angekündigten Amnestie.

Listen mit Menschen zusammengestellt

Angehörige der Taliban hätten die früheren afghanischen Sicherheitskräfte, die sich ergeben hätten und Garantien für ihre Sicherheit erhalten hätten, mithilfe von Beschäftigungsnachweisen der gestürzten Regierung ins Visier genommen, heißt es in dem Bericht.

In einigen Fällen hätten lokale Taliban-Kommandeure Listen mit Menschen zusammengestellt, die zum Ziel werden sollten. "Das Muster der Tötungen hat in ganz Afghanistan Terror gesät", hieß es. Niemand, der mit der früheren Regierung in Verbindung stehe, könne sicher sein, dass er der Bedrohung durch Vergeltungsmaßnahmen entkommen sei.

Aussagen von Zeugen und Taliban-Vertretern

Die Tötungen oder das erzwungene "Verschwinden" von 47 früheren Armeeangehörigen in vier Provinzen seien seit dem 15. August bis Ende Oktober dokumentiert worden - durch Interviews mit Zeugen, Angehörigen, Vertretern der früheren Regierung und Taliban-Vertretern. Die Untersuchungen legten zudem nahe, dass es in mindestens 53 weiteren Fällen zu Tötungen oder zum Verschwinden von Betroffenen kam, teilte die Menschenrechtsorganisation mit. Die Untersuchung konzentrierte sich demnach auf die vier Provinzen Gasni, Helmand, Kandahar und Kundus. "Aber die Fälle spiegeln ein breiteres Muster von Missbräuchen wider", hieß es.

Kräfte der Taliban nehmen auch Menschen ins Visier, denen sie in der Provinz Nangarhar, einem Zentrum der IS-Attacken, die Unterstützung des "Islamischen Staats" unterstellen. In der Provinzhauptstadt Dschalalabad kam es zu einem achtstündigen Feuergefecht, als Taliban-Kämpfer ein angebliches Versteck von IS-Kämpfern angriffen.

Taliban bestreiten Vergeltungsmaßnahmen

Die Taliban-Führung hat wiederholt erklärt, dass Mitarbeiter der früheren Regierung, darunter Angehörige der Streitkräfte, von ihnen nichts zu befürchten hätten. Frühere Armeeangehörige erklärten, sie seien angewiesen worden, ihre Waffen abzugeben. Dafür hätten sie im Gegenzug Dokumente erhalten, die ihre Aufgabe bezeugten und ihnen Sicherheit zusicherten.

Der Regierungschef der afghanischen Taliban, Mullah Mohammed Hassan Achund, stritt am Samstag bei einer öffentlichen Ansprache ab, dass es zu Vergeltungsmaßnahmen komme. Als die Taliban die Macht ergriffen hätten, hätten sie eine "Amnestie für alle" verkündet. Mit Blick auf eine Vergeltung sagte er: "Gab es dafür irgendein Beispiel?" Es gebe kein Problem für irgendwen, sagte er. Doch wenn ein früherer Armeeangehöriger "seine schlechte Tat fortsetzt (...) dann wird er auf Grundlage seines Verbrechens bestraft."

Appell an Taliban

Es sei an den Taliban, weitere Tötungen zu verhindern, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen und die Familien von Opfern zu entschädigen, sagte Patricia Gossman, Leiterin der Asien-Abteilung bei Human Rights Watch. Die nicht durch Tatsachen gestützten Behauptungen der Taliban, "sie würden handeln, um Missbrauch zu verhindern und Täter zur Rechenschaft zu ziehen, scheinen bisher nichts anderes als ein PR-Gag zu sein", so Gossman.

Die Taliban hatten am 15. August die Macht übernommen. Seitdem kollabiert die Wirtschaft des Landes und die tödliche Gewalt durch die Terrorgruppe IS hat zugenommen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. November 2021 um 16:51 Uhr.