Sendungsbild Therapiezentrum im Nordosten Syriens
Reportage

Jugendliche aus IS-Familien "Ich will wieder frei sein"

Stand: 03.11.2021 07:32 Uhr

Sie zogen als Kinder nach Syrien, weil ihre Eltern sich dem "Islamischen Staat" anschließen wollten. Nach Terror, Leid und Verlust bekommen heute einige im einzigen Therapiezentrum Nordostsyriens die Chance auf einen Neuanfang.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Häkeln hilft ihm, die Kriegsgräuel zumindest für ein paar Augenblicke zu vergessen. Doch die Erinnerungen holen Ibrahim immer wieder ein, auch wenn der 19-Jährige jetzt in Sicherheit ist. "Das schlimmste waren die Flugzeuge, die Bomben. Das war das Schlimmste", erzählt er. 2014 zog er mit seiner Mutter und seinem Stiefvater aus Deutschland nach Syrien. Beide wollten unter dem sogenannten Islamischen Staat (IS) leben. Ibrahim hatte keine Wahl.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

In Rakka wurde der Zwölfjährige im Geiste des IS erzogen sollte zum Kämpfer ausgebildet werden. Er erlebte den Krieg und die Luftangriffe der Anti-IS-Koalition gegen den "Islamischen Staat".

Es waren traumatische Monate. "Ich habe viele Tote gesehen, zerstörte Gebäude", erinnert er sich. Sie flohen schließlich nach Baghuz, in die letzte IS-Hochburg. Der Stiefvater starb dort 2019. Ibrahim und seine Mutter fielen kurdischen Kämpfern in die Hände.

Sie wurden mit Zehntausenden anderen Frauen und Kindern, die unter der Terrormiliz lebten, in das Al-Hol-Camp in Nordostsyrien gebracht. Eine Keimzelle des Terrors. Die IS-Ideologie lebte dort fort. Es gab keine Betreuung für Kinder, keine Schule. Die Hygiene war katastrophal. Ibrahim wollte nur noch weg und bekam schließlich eine Chance in Tel Maarouf.

Eine Chance für wenige

In dem beschaulichen Dorf 25 Kilometer östlich von der Verwaltungshauptstadt Qamishli betreibt die kurdische Selbstverwaltung das einzige Rehabilitationszentrum für Kinder aus IS-Familien. Etwa 100 Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren leben dort. Sie stammen aus 22 Ländern, sind traumatisiert, womöglich auch gefährlich. Viele sind mit der IS-Ideologie groß geworden, gelten als gewalttätig.

Ihre Betreuung und Therapie ist eine enorme Aufgabe für die Mitarbeiter im Zentrum. "Wir bieten diesen Jugendlichen ein sicheres Umfeld, wollen ihnen helfen, gemäßigte und friedliche Menschen zu werden, die extremistischen Ideen und Gedanken loszuwerden und sich wieder in der Gesellschaft engagieren zu können", erklärt die Jugendpsychologin Khedija Afrin.

Ibrahim hat hier Bilal kennengelernt. Auch er wurde in Deutschland geboren. Seine Familie stammt aus der Türkei. Dorthin zogen sie auch zunächst zurück, bevor sie sich 2016 dem IS in der syrischen Stadt Hadschin anschlossen. Auch sein Vater starb im Krieg.

Im Al-Hol-Camp fiel Bilal als aggressiv auf, soll andere angegriffen haben, hing der IS-Ideologie noch immer an. Heute gibt sich der 16-Jährige friedfertig, will davon nichts mehr wissen: "Ich bin gegen meinen Willen nach Syrien gekommen. Wenn es nach mir gegangen wäre, wären wir nie weggezogen. Ich will jetzt nur noch zurück zu meiner Familie."

Zurück in ein normales Leben

Das Zentrum bietet den Jugendlichen viel Sport an: Fußball, Volleyball, aber auch Brettspiele, Therapiegespräche, Kunst. Im Schulunterricht lernen sie einfachste Grundlagen unter schwierigen Bedingungen. Viele können kein Arabisch, waren nie auf einer Schule.

Bilal hofft, eines Tages eine bessere Chance auf Bildung zu bekommen und damit auch eine Perspektive im Leben: "Wenn ich zurückkomme, möchte ich auf der Schule gerne etwas lernen und dann sehen was mir die Zukunft bringt."

Die Heimatländer wollen sie nicht zurück

Die finanziellen Mittel des Zentrums sind beschränkt, wie Khedija Afrin erzählt. Es fehlt an qualifiziertem Personal, gezielten Therapieansätzen. "Wir sind in einem Wettlauf gegen die Zeit. Die Jugendlichen sollten einmal die Zukunft des IS sein, werden jetzt schnell groß. Wir müssten mehr Möglichkeiten haben, schneller vorankommen. Uns läuft die Zeit davon", sagt sie.

Die Länder, aus denen die Jugendlichen stammen, leisten keinen finanziellen Beitrag. Ebenso wenig sind sie bereit, die Minderjährigen zurückzunehmen. Das verbaut ihnen jede Zukunft. Ibrahim wird nun wohl bald in ein Gefängnis abgeschoben. Er ist volljährig, nach Deutschland darf er nicht. Es fehlen geeignete Einrichtungen für Erwachsene wie ihn.

Nichts wünscht sich Ibrahim mehr als ein Leben in Freiheit in seiner alten Heimat: "Was ich will, ist frei sein. In Deutschland war das Leben sehr viel besser als in Syrien." Das aber ist für ihn bislang nicht in Sicht. Ebenso wenig wie für all die anderen Jugendlichen hier.

Diese Reportage sehen Sie auch im Mittagsmagazin - heute ab 13 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete Das Erste im "ARD-Mittagsmagazin" am 03. November 2021 um 13:00 Uhr.