Eine Frau kauft auf einem Straßenmarkt in Moskau ein. | EPA

Vor der Parlamentswahl Russen ächzen unter enormer Preissteigerung

Stand: 16.09.2021 10:11 Uhr

Für viele Menschen in Russland sind alltägliche Dinge fast unerschwinglich geworden. Preisexplosionen in vielen Bereichen fressen ihre Gehälter auf. Vor der Dumawahl reagiert Präsident Putin aber nur mit kleineren Geldgeschenken.

Von Stephan Laack, ARD-Studio Moskau

Morgen beginnt die Dumawahl in Russland. Drei Tage lang sind insgesamt mehr als 110 Millionen Menschen aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Doch eine lebhafte Debatte über die wichtigsten Themen, einen Wahlkampf, der den Namen verdient, habe es nicht gegeben, stellt der russische Politologe Dmitrij Orlow beim Sender Echo Moskwie fest. "Die Werbekampagnen sind langweilig", sagt er.

Stephan Laack

Er habe eine Zunahme von politischen Informations- oder Agitationsaktivitäten zum Ende der Wahlkampagne nicht beobachten können. "Selbst die Auftritte während der Debatten oder die Wahlkampfauftritte waren ganz traditionell gehalten. Für viele Wähler und sogar für die Beobachter ist das schon langweilig."

Inflation auf Fünf-Jahres-Hoch

Im Fernsehen laufen die Wahlwerbespots der Parteien. Manche vermitteln wenigstens eine Ahnung davon, worüber sich wirklich debattieren ließe: Die Bekämpfung der Inflation, die mit fast sieben Prozent ein Fünf-Jahres-Hoch erreicht hat. Oder die enormen Preissteigerungen, die vielen Russen zu schaffen machen.  

"Russland ist das reichste Land der Welt. Seine Ressourcen sollen allen Bürgern zu Gute kommen", heißt es im Werbespot der Kommunisten. Die rechtspopulistische LDPR wird noch konkreter: "Die Leute nehmen aus lauter Hoffnungslosigkeit Kredite auf. Selbst die Jugendlichen sind hoch verschuldet."

Und die chancenlose Partei der Rentner spielt darauf an, dass es in der Duma keine wirkliche Opposition gibt, wenn alle Parteien immer wie die Regierungspartei abstimmen. "Seit 30 Jahren versprechen uns die gleichen Parteien ein süßes Leben und handeln am Ende auf Befehl gegen die Bürger."

Kaum Geld für alltägliche Ausgaben

Laut einer aktuellen Umfrage des Lewada-Zentrums wünschen sich 66 Prozent der Russen, in einem Land mit hohem Lebensstandard zu leben, selbst wenn es nicht eines der mächtigsten Länder der Welt ist. Das ist ein Rekordwert.

Viele Moskauer, gleich welchen Alters, stöhnen darüber, dass vieles so teuer oder unerschwinglich geworden ist. "Früher habe ich etwas mitleidig auf die Leute geschaut, die auf Schnäppchenjagd bei Lebensmitteln waren. Nun sehe ich das ganz anders und freue mich jedes Mal, wenn ich günstig mein Lieblingsessen kaufen kann", sagt die 30-jährige Lilija.

Dmitrij, 35, ist in der Baubranche tätig. Auch dort gebe es Preisexplosionen in fast allen Bereichen. Viele Menschen könnten nur davon träumen, unter diesen Bedingungen ein Haus zu bauen. Auch andere Anschaffungen können sich die Verbraucher nicht mehr leisten. "Allein die Autopreise - wie die gestiegen sind", sagt Dmitrij. Bei Autos gebe es zudem noch Lieferprobleme und die Preise seien unvorstellbar. "So ist es in jedem Bereich. Keine Ahnung, wie das weitergehen soll."

Die 60-jährige Tatjana weiß nicht, wie sie die alltäglichen Ausgaben bezahlen soll. "Die Preise steigen, das Gehalt aber nicht. Man merkt es in allen Bereichen - zum Beispiel beim öffentlichen Nahverkehr. Wie soll man leben?"

"Einzelzahlung ist Schwachsinn"

Präsident Putin hat vor der Wahl großzügig Geldgeschenke verteilt, etwa Einmal-Zahlungen an wichtige Wählergruppen wie Familien, Rentner oder Staatsbedienstete. Angesichts der gefühlten Inflationsrate von 16,5 Prozent sei das nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, sondern geradezu zynisch, meint Wirtschaftsexperte Sergej Zhaworonkow vom Moskauer Gajdar-Institut.

"Eine Auszahlung haben auch die Rentner bekommen, aber es war eine einmalige Aktion. Eine Einzelzahlung von umgerechnet 116 Euro ist aus meiner Sicht angesichts der seit Jahren  ausstehenden Rentenanpassung Schwachsinn", sagt der Ökonom.

Zhwaronkow geht wie andere Experten nicht davon aus, dass die Russen in nächster Zeit mehr Geld zur Verfügung haben werden. Es wird eher damit gerechnet, dass Preissteigerungen und Inflation weiter an Fahrt gewinnen. Man kann nur spekulieren, wie sich dies auf die Dumawahl auswirken wird. Aktuelle Umfragen zur Beliebtheit der Parteien sind zuletzt nicht mehr veröffentlicht worden. Beobachter rechnen allerdings mit einer geringen Wahlbeteiligung auch angesichts des Mangels wirklicher Oppositions-Kandidaten. 

Dieser Beitrag lief am 16. September 2021 um 12:07 Uhr auf Inforadio.