Präsident Putin und Verteidigungsminister Schoigu besuchen im Februar 2022 eine Militärausstellung in Moskau (Russland), wobei Putin ein Gewehr in die Hand nimmt. | dpa

Die Männer um Putin Auf Nummer sicher

Stand: 16.03.2022 06:00 Uhr

Wer hat noch Einfluss auf Russlands Präsident Putin? Mit jedem Kriegstag wird diese Frage drängender. Unstrittig ist, dass Putin sich vor allem mit Vertretern der Sicherheitskräfte umgibt. Mit einigen teilt er eine gemeinsame Vergangenheit.

Von Eckart Aretz, tagesschau.de

Der Stratege: Nikolaj Patruschew

Der 70-jährige Sekretär des russischen Sicherheitsrates - ein Gremium, das alle in Angelegenheiten der nationalen Sicherheit berät und koordiniert - vereinigt gleich drei Etiketten auf sich, die im Kreml für hohen Einfluss stehen: Er kommt aus St. Petersburg, hat für den KGB gearbeitet und lernte dabei schon in den 1970er-Jahren Wladimir Putin kennen. Beide sollen dort eng zusammengearbeitet haben, schreibt die Autorin Catherine Belton. Putins rasanter Aufstieg ab Mitte der 1990er-Jahre in Moskau spülte auch Patruschew in Spitzenpositionen. 1999 wurde er Putins Nachfolger als Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB - eine Position, die er bis 2008 innehatte. In diese Zeit fällt die Ermordung des übergelaufenen KGB-Agenten und Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko mit radioaktivem Polonium in London. Als Hauptverdächtige gelten zwei mutmaßliche FSB-Agenten.

Eckart Aretz tagesschau.de

Patruschew gilt als ausgemachter Hardliner, der außen- und sicherheitspolitische Kurs Russlands soll vor allem auf ihn zurückgehen. Kaum ein Artikel über ihn kommt ohne die Bezeichnung "Falke der Falken" aus, er soll von der Idee besessen sein, der Westen wolle Russland spalten. Sein Einfluss auf Putin gilt als enorm. Ende Januar noch bestritt er jede Kriegsabsicht als "komplette Absurdität - es gebe keine Bedrohung: "Wir wollen keinen Krieg, wir brauchen ihn überhaupt nicht."

Nikolaj Patruschew spricht im Jahr 2021 auf der Moskauer Sicherheitskonferenz | AP

Bestritt noch kürzlich jede Kriegsabsicht: Nikolaj Patruschew Bild: AP

Geheimdienstchef mit einem Problem: Alexander Bortnikow

Als Patruschew 2008 den FSB verließ, folgte ihm Alexander Bortnikow nach und hat diesen Posten noch heute inne. Wenn man voraussetzt, dass Putin dem FSB, den er selbst leitete und der die Nachfolgeorganisation des KGB ist, besonders vertraut, dann liegt nahe, dass Bortnikows Einfluss auf den Präsidenten groß ist. Zumal auch Bortnikow nach offiziellen Angaben in den 1970er-Jahren im damaligen Leningrad (heute St. Petersburg) für den KGB arbeitete.

Bortnikows Einfluss erstreckt sich vor allem ins Inland - hier sorgt der FSB dafür, dass Oppositionelle und kritische Journalisten massiv verfolgt werden und demokratischer Widerstand im Keim erstickt wird.

Alexander Bortnikow | picture alliance / Alexander Zemlianichenko/AP/dpa

Schonungslos im Umgang mit Andersdenkenden: FSB-Chef Bortnikow Bild: picture alliance / Alexander Zemlianichenko/AP/dpa

Dies zeigt sich nicht nur an Tagen, wo es zu kleineren Kundgebungen in Russlands Städten kommt. Es zeigt sich auch am Beispiel von Kreml-Kritikern wie Anna Politkowskaja oder Boris Nemzow, die ermordet wurden, ohne dass die Hintermänner vor Gericht landeten. Und es zeigt sich am Beispiel von Alexej Nawalny, dessen versuchte Ermordung mit dem Nervengift Nowitschok mutmaßlich auf eine Gruppe von FSB-Agenten zurückgeht. Nur eine Person vom Range Bortnikows, so die allgemeine Einschätzung, könne den Einsatz des Kampfmittels genehmigt haben.

Der FSB betreibt aber auch Spionage in den früheren Sowjetrepubliken - wie etwa der Ukraine. Deshalb dürfte der 70-Jährige mittlerweile ein massives Problem haben. Denn Putins Wut über den Kriegsverlauf soll nicht zuletzt den FSB treffen. Zwei führende Mitarbeiter der Auslandsaufklärung sollen unter Hausarrest gestellt worden sein - der Investigativ-Journalist Andrej Soldatow schreibt in einem Beitrag für die amerikanische Denkfabrik CEPA, dass sie Putin offenbar mit völlig falschen Informationen über die Lage in der Ukraine versorgt hätten - aus Angst und im Bemühen, ihm nur das zu sagen, was er offenkundig hören wollte.

Die Deutung der Vergangenheit: Sergej Naryschkin

Seinen unangenehmsten öffentlichen Auftritt hatte Sergej Naryschkin kurz vor dem Beginn des Ukraine-Krieges. Bei einer Sitzung des Sicherheitsrates geriet der Chef der russischen Auslandspionage ins Stottern, als Putin ein eingefordertes Bekenntnis zur Anerkennung der "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk nicht genügte und der Präsident dies gleich mehrfach deutlich machte, woraufhin Naryschkin immer nervöser wurde und durcheinander geriet.

Ein Spionagechef vorgeführt wie ein Schuljunge - eine Seltenheit in Russland. Zumal der 67-Jährige bis dahin eine besondere Nähe zu Putin nachgesagt wurde. Der Ingenieur und Ökonom kommt wie der Präsident aus St. Petersburg. Laut "Nowaja Gaseta" besuchte er dort gemeinsam mit Putin eine KGB-Hochschule, später arbeiteten beide in der Stadtverwaltung. 2004 folgte er Putin nach Moskau. Innerhalb weniger Jahre stieg er auf zum mächtigen Leiter der Präsidialverwaltung, wurde dann Vorsitzender der Duma. 2016 berief ihn Putin zum Chef der Auslandsspionage.

Sergej Naryschkin | REUTERS

Geheimdienstchef und einflussreicher Deuter der Vergangenheit: Sergej Naryshkin Bild: REUTERS

Als langjähriger Vorsitzender der Russischen Historischen Gesellschaft spielt er eine wichtige Rolle bei der zunehmenden Instrumentalisierung der russischen Geschichte für die Erklärung und Legitimierung der aktuellen Politik - hier dürfte sein Einfluss auf Putin erheblich gewesen sein. Manche sehen in ihm den Chef-Ideologen.

Vor dem Angriff auf die Ukraine hatte sich Naryschkin dafür ausgesprochen, dem Westen "eine letzte Chance" zu geben, Druck auf Kiew auszuüben - das stellte Putin öffentlich in Frage. Seither kritisiert Naryschkin den Westen scharf und wirft ihm vor, Russland "zerstören" zu wollen. Sein Ruf aber ist durch die Demontage im Kreml angeschlagen, denn das Ereignis wurde im streng kontrollierten Staatsfernsehen offenkundig als Aufzeichnung ausgestrahlt.

Präsident Putin hört am 21. Februar 2022 im Kreml die Meinung des Sicherheitsrates zur Anerkennung der Separatistengebiete Donezk und Luhansk. | AP

Kurz vor dem Angriff auf die Ukraine hört Präsident Putin die Meinung des Sicherheitsrates zur Anerkennung der Separatistengebiete - Spionagechef Naryschkin wird dabei wie ein Pennäler mit Wissenslücken vorgeführt. Bild: AP

Der Handfeste: Wiktor Solotow

2016 kam es zu einer einschneidenden Reform der inneren Sicherheitsarchitektur Russlands. Dem Innenministerium wurden damals mehrere Truppen und Spezialeinheiten (wie die berüchtigte OMON) entzogen und in der Nationalgarde zusammengefasst. Diese wurde unmittelbar dem Präsidenten unterstellt. An die Spitze platzierte er einen alten Bekannten: Wiktor Solotow, der wie Putin in St. Petersburg für den KGB gearbeitet haben soll - in einer Abteilung, die für den Personenschutz hochrangiger Personen zuständig war. Dies blieb auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR sein Metier, nunmehr als Personenschützer des damaligen Bürgermeisters der Stadt, Anatoli Sobtschak, und seines Stellvertreters: Wladimir Putin. So wurde er auch dessen Sparringspartner beim Boxen und Judo - Basis für ein bis heute andauerndes besonderes Vertrauensverhältnis.

Putin nahm Solotow mit nach Moskau und machte ihn zum Chef seines Sicherheitsdienstes, zunächst als Ministerpräsident, dann als Staatsoberhaupt. 2016 rückte Solotow dann nicht nur an die Spitze der Nationalgarde, sondern wurde gleich auch Mitglied des Sicherheitsrates.

Russlands Präsident Putin beim Judo | picture alliance/dpa

Judo gehört auch zu den Sportarten, in denen sich Putin gerne zeigt - sein einstiger Sparringpartner profitierte auch davon Bild: picture alliance/dpa

Solotow äußert sich gelegentlich in derber Sprache über Widersacher, etwa 2018, als er in einem Video den Kreml-Kritiker Nawalny zum Duell herausforderte und ihm versprach, er werde ihn in wenigen Minuten zu einem "schönen Stück Fleisch" verarbeiten. Nawalny hatte zuvor der Nationalgarde Korruption vorgeworfen. In dem Video erging er sich auch in Verschwörungstheorien, dass Russland von seinen Gegnern aufgespalten werden solle.

Ausgerechnet Putins Vertrauter räumte nun deutlich wie vorher kein anderer aus den Sicherheitskräften ein, dass es im Ukraine-Krieg Schwierigkeiten gibt. "Ich möchte sagen, ja, nicht alles geht so schnell wie wir es gern hätten", erklärt der 68-Jährige in Kommentaren auf der Website der Nationalgarde.

Präsident Putin übergibt Nationalgarde-Chef Solotow 2017 ein Banner | picture alliance / Mikhail Klime

Vom Bodygard zum Bannerträger Putins: Wiktor Solotow Bild: picture alliance / Mikhail Klime

Mann fürs Jagen und Fischen: Sergej Schoigu

Der russische Verteidigungsminister gehört zu den wenigen Führungskräften, die schon lange vor Putin wichtige Regierungsaufgaben innehatten. 1990 war er aus der Autonomen Republik Tuwa nach Moskau gekommen und stieg 1994 zum Minister für Katastrohenschutz auf - ein Amt, das er bis 2012 innehatte und in dem er sich großes Ansehen in der Bevölkerung erwarb. Zwischenzeitlich galt Schoigu sogar als möglicher Nachfolger Putins, als dieser sich 2008 nach zwei Amtszeiten in einer durchschaubaren Rochade vorübergehend auf das Amt des Premierministers zurückzog.

Schoigu kann keine Armeekarriere vorweisen, das Ministeramt brachte ihm den Rang eines Generals. Auch deshalb überraschte ihn 2012 die Berufung zum Verteidigungsminister, wie er selbst einräumte. Die Annexion der Krim und das faktische Abspalten des Donbass im Jahr 2014 verteidigte er öffentlich, ebenso wie das russische Eingreifen im syrischen Bürgerkrieg. Schoigu steht damit für die Ausweitung der militärischen Aktivitäten Russlands in Gebieten von strategischem Interesse. Der 66-Jährige gilt auch als großer Bewunderer des legendären sowjetischen Marshalls Georgi Schukow und als enger Ratgeber Putins - auch in militärhistorischen Fragen. Gelegenheit dazu bieten immer wieder rustikale Ausflüge in die Natur. Bilder vom gemeinsamen Jagen und Fischen in Sibirien sind fester Teil der Putin-Folklore.

Putin und Schoigu entspannen 2017 bei einem kurzen Angel-Urlaub | picture alliance / Alexei Nikols

Schöne Stunden in Sibirien: Putin und Schoigu entspannen 2017 bei einem kurzen Angel-Urlaub Bild: picture alliance / Alexei Nikols

Ein ganz anders geartetes Foto vom 27. Februar - also drei Tage nach dem Überfall auf die Ukraine - zeigte Schoigu indes weit entfernt von Putin an einem langem Tisch, Beobachteter werteten sein Gesicht als betreten. Ob diese Beobachtung zutrifft oder nicht - die offenkundigen Probleme der russischen Armee im Nachbarland, die Defizite in der Analyse und der Logistik fallen zwangsläufig auch auf Schoigu zurück. Was das für seinen Einfluss im Kreml bedeutet, bleibt vorerst nebulös - wie so vieles in der russischen Führung.

Verteidigungsminister Schoigu und Generalstabschef Gerassimow sitzen Ende Februar weit entfernt von Präsident Putin im Moskauer Kreml. | dpa

Ein Ausdruck von Distanz - oder doch eher von Gesundheitsschutz? Verteidigungsminister Schoigu und Generalstabschef Gerassimow sitzen Ende Februar weit entfernt von Präsident Putin. Bild: dpa

Neue Ideen für die Kriegsführung: Waleri Gerassimow

Waleri Gerrasimow rückte im Jahr 2012 an die Spitze des russischen Generalstabs. In einer Rede vor der Generalversammlung der Russischen Akademie der Militärwissenschaften sprach er ein Jahr später über Ideen, die ihm den Ruf als Vater entgrenzten, hybriden Kriegsführung eintrugen - mit der Nutzung des Protestpotentials der Bevölkerung, mit verdeckten Operationen und dem Einsatz neuer Technologien, nicht zuletzt aus dem Informationsbereich. Ob Gerassimow damals einen modernisierten Ansatz russischer Kriegsführung formulierte oder den Ansatz westlicher Streitkräfte, ist unter Militärexperten umstritten. Die Entsendung russischer Soldaten 2014 auf die Krim und in den Donbass folgt jedoch dem hybriden Konzept. Auch das Eingreifen der russischen Armee in den Krieg in Syrien steht für eine viel weiter gefasste Definition russischer Interessenssphären als in den Jahrzehnten zuvor.

Gerassimow steht - wie viele andere aus dem inneren Zirkel des Kremls - auf den Sanktionslisten der USA. Viel größere Sorgen dürften dem 66-Jährigen aber der überraschend schleppende Vormarsch der russischen Truppen in der Ukraine bereiten. Von einem schnellen Erfolg der "Spezialoperation" kann keine Rede mehr sein. Die Verantwortung dafür trägt am Ende Gerassimow - auch gegenüber einem Präsidenten, den Beobachter als zunehmend frustriert über den Verlauf des Krieges beschreiben.

Verteidigungsminister Schoigu und Generalstabschef Gerassimow sitzen Ende Februar 2022 weit entfernt von Präsident Putin im Moskauer Kreml. | dpa

Konzentriert oder zerknirscht? Verteidigungsminister Schoigu und Generalstabschef Gerassimow beim Treffen mit Präsident Putin Bild: dpa

Mann für die Galerie: Sergej Lawrow

Mit 18 Jahren im Amt ist Sergej Lawrow einer der dienstältesten Außenminister der Welt und hat zahlreiche Kabinettschefs und Ministerkollegen kommen und gehen sehen. Als oberster Diplomat hat er alle Wendungen und Verhärtungen der russischen Außenpolitik mitgetragen und mitformuliert - von der Kooperation mit der EU und der NATO bis hin zum völligen Bruch mit dem Westen. Lawrow kennt insbesondere die USA aus zehn Jahren Tätigkeit als UN-Botschafter seines Landes, schon in dieser Zeit war sein Wirken vor allem vom Bemühen um ein größtmögliches internationales Gewicht seines Landes geprägt. Diesen Anspruch formuliert er stets selbstbewusst und häufig scharf. Beobachter hatten ihm anfänglich Humor zusammen mit Geselligkeit und Weltgewandtheit attestiert.

Russlands Außenminister Lawrow lächelt während einer Pressekonferenz | AFP

Ein Lächeln, dass westliche Gesprächspartner zuletzt nur noch selten zu sehen bekamen: Russlands Außenminister Lawrow beim Treffen mit dem iranischen Amtskollegen Amir-Abdollahian Bild: AFP

In den vergangenen Jahren war Lawrow aber zusammen mit dem Präsidenten das grimmige Gesicht einer Außenpolitik, die gegenüber den Nachbarstaaten, aber auch in Nahost und Afrika immer aggressiver auftrat und immer stärker auf Expansion setzte. Noch zwei Tage vor dem Überfall auf die Ukraine bestritt er jede Angriffsabsicht und weist auch seither dem Westen die Verantwortung für die Eskalation in der Region zu. Beobachter betonen aber immer wieder, dass die entscheidenden Linien der russischen Außenpolitik nicht in Lawrows Ministerium festgelegt werden, sondern im Kreml. Der 71-Jährige gilt folgerichtig auch nicht als enger Vertrauter Putins.

Über dieses Thema berichtete Das Erste im Kulturmagazin "titel, thesen, temperamente" am 20. Februar 2022.