Menschen in Yangon halten ein Banner mit dem Bild von Aung San Suu Kyi von einer Brücke. | LYNN BO BO/EPA-EFE/Shutterstock

Putsch in Myanmar Proteste gegen Militärs weiten sich aus

Stand: 08.02.2021 13:29 Uhr

Die Proteste gegen den Militärputsch in Myanmar werden täglich größer. Trotz Drohungen der Armeeführung gingen erneut Zehntausende Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft lautstark auf die Straße.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Kein Wort von den Massenprotesten heute im staatlichen myanmarischen Fernsehen MRTV. Dabei waren Zehntausende Menschen in der Hauptstadt Naypidaw, der Millionenmetropole Yangon, aber auch in vielen kleinen und mittleren Städten auf den Straßen.

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Drei Finger gegen die Staatsmacht

Am Morgen begann im ganzen Land ein Generalstreik. Die meisten Demonstrierenden trugen schwarze Trauerkleidung - unter ihnen waren aber auch viele Mönche in safrangelben Roben. Sie hielten drei Finger ausgestreckt nach oben, das Zeichen des Protestes aus der "Tribute von Panem"-Filmtrilogie, das auch die Demonstrierenden in Thailand der Staatsmacht entgegenrecken.

Polizei und Militär marschierten in Kompaniestärke auf, teilweise bewaffnet mit Sturmgewehren und Pumpguns. In der Hauptstadt setzte die Polizei einen Wasserwerfer gegen die Menschenmassen ein.

Protest auf den Straßen und Balkonen

Das Internet funktioniert zumindest wieder sporadisch - immer wieder hatte die Regierung es in den vergangenen Tagen abgeschaltet, da die Protestbewegungen vor allem über soziale Medien kommunizieren. Trotzdem werden die Proteste von Tag zu Tag größer.

"Es sind sehr viel mehr Menschen auf den Straßen als gestern", schildert eine junge Frau aus Yangon, die anonym bleiben möchte. "Überall in der Stadt protestieren die Menschen auf der Straße oder zu Hause in den Fenstern und auf den Balkonen." Zehntausende Menschen seien auf den Straßen, "und im Staatsfernsehen sehen wir nur Propaganda, Berichte über die guten Taten des Militärs". Das fühle sich an wie eine Zeitreise in die 1990er-Jahre, die finsteren Jahre der Militärdiktatur.

Das Klappern mit Topfdeckeln und Pfannen ist die Begleitmusik des Protestes gegen die Junta. Die Menschen befolgen somit die nächtliche Ausgangssperre und zeigen dennoch lautstark ihren Unmut. Tausende Autohupen fallen ein in den Rhythmus der Wut, des Widerstandes und der Trauer. Und es werden immer mehr, die auf den Straßen mitmarschieren.

Demonstrierende in Yangon zeigen den Dreifingergruß während ihres Protestmarsches. | dpa

Der Drei-Finger-Gruß aus der Buch- und Filmreihe "Die Tribute von Panem" gilt als Geste des Widerstands einer unterdrückten Gesellschaft. Bild: dpa

Sympathie auch unter Polizisten

Da sind die Krankenschwestern einer Regierungsklinik mit roten Transparenten in der Hand. Sie fordern alle Regierungsmitarbeiter auf, sich der Bewegung des "Zivilen Ungehorsams" anzuschließen. "Wir müssen dafür kämpfen, diesen Militärputsch zu beenden und für unser eigenes Schicksal kämpfen", sagt eine von ihnen.

Auch die Mitglieder einer Ingenieursgewerkschaft wollen nicht zulassen, dass die Militärdiktatur in die nächste Generation getragen wird: "Die Generäle sollen aus dem Fenster schauen und sehen: Das Volk will sie nicht."

Lehrer und Ärzte sind unter den Demonstrierenden - und Regierungsmitarbeiter, die sich offen als Demonstrierende zu erkennen geben. Und offenbar sympathisieren sogar Polizisten mit dem Protest: Ein Foto aus der zentralmyanmarischen Stadt Kalaw geht durch die sozialen Netzwerke, auf dem ein Polizist zu sehen ist, der aus einem Mannschaftswagen heraus unauffällig die Demonstranten mit der Drei-Finger-Protestgeste grüßt.

Angst vor der Reaktion des Militärs

"Stoppt die Militärdiktatur" und "Lasst Aung San Suu Kyi frei" rufen die Demonstranten. Die 75-jährige Staatsrätin wird offenbar in ihrer Residenz festgehalten. Kontakt nach außen hat sie nicht, die Militärs haben die sogenannte "Stimme der Demokratie" vorerst zum Schweigen gebracht.

"Mutter Suu" wie die Myanmaren sie liebevoll nennen, ist im Land äußerst beliebt. Ihre Partei NLD hatte die Wahlen im November vergangenen Jahres haushoch gewonnen - die Armee sah dadurch ihre Machtposition bedroht, sprach von Betrug und putschte. Nun ist die Angst groß, dass sie den Protest der Straße gewaltsam niederschlagen könnte.

Im staatlichen Fernsehen drohte die Führung bereits mit "Maßnahmen" gegen Demonstranten. "Gegen Vergehen, die die Stabilität des Staates, die öffentliche Sicherheit und die Rechtsstaatlichkeit stören, muss nach dem Gesetz mit wirksamen Schritten vorgegangen werden", verlas ein Sprecher des Senders MRTV eine Erklärung der Militärjunta.

Über dieses Thema berichtete das Mittagsmagazin am 08. Februar 2021 um 13:00 Uhr im Ersten.