Zwei Frauen schauen hinter der Zeltplane ihrer notdürftig errichteten Unterkunft nahe Hyderabad in der Provinz Sindh hervor. | EPA

Pakistan nach der Flut "Bitte bauen Sie mein Haus wieder auf"

Stand: 13.09.2022 19:55 Uhr

Wochen nach den Überschwemmungen in Pakistan können viele Menschen noch nicht in ihre Dörfer zurück. Wenn das Wasser zurückgeht, werden sie weiter Hilfe brauchen, warnen UN-Helfer - und appellieren an die Weltgemeinschaft.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Eine Frau, Anfang 40 vielleicht, steht vor einem Zelt in einem Lager in der südpakistanischen Provinz Belutschistan. Wie ihr Haus jetzt aussehe, will ein Mitarbeiter der Vereinten Nationen von ihr wissen. "Ich habe kein Haus mehr", antwortet sie. "Meine Kinder sind nun obdachlos. Wir müssen jetzt umherziehen."

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Mehr als einhundert Zelte stehen in diesem Lager am Rande der Stadt Usta Muhammad, in jedem eine Familie. Hunderte Menschen haben hier eine Zuflucht gefunden - vorerst.

Am Wochenende war UN-Generalsekretär António Guterres in Begleitung des pakistanischen Premiers Shehbaz Sharif und des Außenministers Bilawal Bhutto Zardari im Lager zu Besuch. Sie wurden von den Kindern der Lagerschule mit einem Lied begrüßt.

Nebenan haben Helfer einen Stand aufgebaut, um den Besuchern zu zeigen, was sie tun. Es sei längst nicht genug, sagt ein Helfer aus dem Golfstaat Katar: "Es sitzen Menschen einfach am Straßenrand. Für sie ist kein Platz im Camp. Die Regierung will da jetzt Hilfsteams hinschicken. Die Leute brauchen Zelte, Wasser und mehr im Hinterland. Wir müssen einfach noch weiter rausgehen."

"Eine Frage der Gerechtigkeit"

Im Hubschrauber überflog der UN-Generalsekretär die Flutgebiete der Provinzen Belutschistan und Sindh. Wasser, so weit das Auge reicht, viele Dörfer unter Wasser. Guterres zeigte sich anschließend erschüttert: "Mir fehlen einfach Worte beim dem, was ich heute gesehen habe. Ein überflutetes Gebiet, das dreimal so groß ist wie mein Heimatland Portugal."

Im Juni schon hatte die Katastrophe begonnen: Monsunregenfälle, wie es sie das Land noch nie erlebt hat, Überschwemmungen ungekannten Ausmaßes. Mehr als 1400 Tote, fast 13000 Verletzte, Millionen obdachlos.

Die Infrastruktur weiter Landstriche ist zerstört: Straßen, Brücken, Schulen, Krankenhäuser. Zehn bis fünfzehn Milliarden Dollar kostet der Wiederaufbau, schätzt die pakistanische Regierung. Damit dürfe man das Land nicht alleine lassen, sagte Guterres.

Und das ist nicht nur eine Frage der Solidarität oder der Großzügigkeit. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit. Pakistan bezahlt den Preis von etwas, was von anderen verursacht wurde.

 Hilfe auch nach Flutende nötig

Was hier geschehe, sei eine drastische Folge des Klimawandels. Um die Folgen zu bewältigen, brauche sein Land dringend internationale Hilfe, sagte Pakistans Außenminister Bilarwal Bhutto Zardari: "Die internationale Gemeinschaft zu mobilisieren, in dieser Krise zu helfen, das ist nun wichtig. Auch weil wir selber nicht daran schuld sind."

Im Camp hoffen die Menschen, bald bald wieder in ihre Dörfer zu können. Wenn es nicht erneut regnet, könnte das Wasser in einigen Wochen zurückgehen. Aber auch dann werden sie Hilfe brauchen.

"Bitte bauen Sie mein Haus wieder auf", sagt eine Frau, die sagt, sie habe sechs Kinder: "Ich habe so Angst vor der Zukunft. Wir haben niemanden mehr, der uns hilft."

Dieser Beitrag lief im Deutschlandfunk in der Sendung "Informationen am Morgen" am 13. September 2022 um 05:18 Uhr.