Israels Premierminister Benjamin Netanyahu gestikuliert auf einer Wahlkampfveranstaltung. | dpa

Israels Premier Netanyahu Wirkt die Flugzeug-Formel noch einmal?

Stand: 23.03.2021 06:52 Uhr

In Israel haben die Wahllokale geöffnet. Premier Netanyahu präsentiert sich als Vater des israelischen Impfwunders - und als einzig fähiger "Pilot" des Landes. Reicht das für einen weiteren Wahlerfolg?

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Es war ein Termin ganz nach dem Geschmack des israelischen Premierministers: Benjamin Netanyahu empfing in Jerusalem den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

"Die Welt schaut voller Bewunderung auf Israel", schmeichelte der. "Unter Ihrer Führung, Herr Premierminister, impft Israel seine Bevölkerung weltweit am schnellsten."

Was der Gast aus Wien sagte, tauchte schon bald in Netanyahus Wahlwerbespots auf. Er inszeniert sich auch in diesem Wahlkampf als erfahrener Diplomat auf der Weltbühne - und mittlerweile auch als Vater des israelischen Impferfolges.

Anrufe bei Pfizer um 3 Uhr nachts

"30 Staats- und Regierungschefs haben mich angerufen", sagte Netanyahu um israelischen Fernsehen. "Sie sagten: Wir ziehen unseren Hut vor Dir. Israel ist das einzige Land, das erfolgreich ist - weil ich Millionen Impfdosen beschafft habe."

Dass er am Impferfolg seines Landes einen Anteil hat, ist unstrittig. Vor kurzem gab der Chef des Pharmariesen Pfizer, Albert Bourla, ein Interview im israelischen Fernsehen. Netanyahu sei besessen vom Impfthema, sagte er da. Manchmal habe ihn der israelische Premier um 3 Uhr nachts angerufen.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu lässt sich impfen. | AP

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bei seiner Impfung. Bild: AP

Das Timing für Netanyahu ist gut: Pünktlich zur Neuwahl - die er mit herbeiführte - lockert der Premier die Corona- Beschränkungen immer weiter und begründet das mit der hohen Impfquote.

"Netanyahu hat sich ganz genau angeschaut, was in den USA geschehen ist. Donald Trump hat die Wahl dort wegen Covid-19 verloren“, sagt die Analystin Ayala Hasson vom Fernsehkanal 13. "Netanyahu glaubt, dass ihm die Impfkampagne helfen wird. Ich glaube aber, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung unabhängig von den Impfungen bereits entschieden hat."

"Crime Minister" titulieren ihn Gegner

Bei der jüngsten Parlamentswahl kam die Likud-Partei auf 36 Mandate. Diesmal könnten es laut Umfragen weniger werden. Viele Israelis lassen sich von Netanyahus vermeintlichem Impfwunder also eher nicht beeindrucken.

An der Ausgangslage hat sich ohnehin nichts geändert: Er wird leidenschaftlich gehasst und geliebt. Seine Gegner nennen ihn "Crime Minister", einen Minister des Verbrechens. Seine Anhänger sehen in der Korruptionsanklage gegen Netanyahu eine Verschwörung. 

Der Premier selbst bestreitet die Vorwürfe. Und versucht, so wenig wie möglich über das Thema zu reden. "Tut es Ihnen leid, dass Sie Geschenke von Geschäftsleuten angenommen haben und Sie deshalb vielleicht scheitern?", fragte ihn ein TV-Moderator. "Sie können das wieder und wieder fragen“, sagte Netanyahu. Ich antworte darauf mit einer Melodie."

Der Moderator war konsterniert. So ein Niveau passe einfach nicht zum Amt des Premierministers, sagte er.

Wirken abgenutzte Formeln noch?

Falls Netanyahu einen deutlichen Wahlsieg erringt, könnte ihm seine Koalition parlamentarische Immunität verschaffen. Aktuell geben die Umfragen ein solches Szenario aber nicht her.

Und so kämpft Netanyahu um mehr als das Amt des Premierministers: Es geht um seine politische, aber immer auch um seine strafrechtliche Zukunft. Sein Hauptargument: Nur er könne Israel führen. Israel sei wie ein Flugzeug. Seine Konkurrenten wüssten nicht, wie man das steuert. Er und seiner Partei hingegen schon.

"Wir wissen, wie man das Flugzeug des Staates Israel steuert. Wir haben das bewiesen" - so oder so ähnlich hat er das häufig gesagt in den vergangenen Jahren.

Es sind etwas abgenutzte Formeln, die Netanyahu in der Vergangenheit aber Erfolg gebracht haben. Die große Frage ist, ob das auch bei dieser Wahl der Fall sein wird.

Über dieses Thema berichtete am 23. März 2021 Deutschlandfunk Kultur um 05:36 Uhr in der Sendung "Studio 9" und die tagesschau um 09:00 Uhr.