Gazastreifen | dpa

Gewalt im Nahen Osten Kein Ende der Kämpfe absehbar

Stand: 19.05.2021 13:51 Uhr

Zwar werden die Angriffe momentan etwas weniger intensiv geführt - ein Ende der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern ist jedoch nicht in Sicht. Israels Armee erklärte, sie habe ihre Ziele noch nicht erreicht.

Von Kilian Neuwert, ARD-Studio Tel Aviv, zzt. München

Mehr als eine Woche dauern die Kämpfe nun an - und es sind immer wieder ähnliche Bilder von beiden Seiten der Grenze des Gazastreifens, die die Welt erreichen: Nach einigen Stunden Ruhe heulten am Vormittag erneut die Luftschutzsirenen in Kommunen im Süden Israels. Militante Palästinenser feuerten Raketen. Die israelische Armee flog Luftangriffe auf Ziele im Gazastreifen. Die Kämpfe werden allerdings weniger intensiv geführt als in den vergangenen Tagen.

Laut den letzten offiziellen Armeeangaben sieht sich Israel noch nicht am Ziel seiner Operation angekommen. "Es liegt noch viel Arbeit vor uns, wenn wir über die Infrastruktur im Untergrund sprechen. Und über ihre Möglichkeiten, Raketen abzufeuern", sagte ein Armeesprecher noch in der Nacht. "Denn nach wie vor hat die Hamas die Fähigkeit, Tel Aviv zu beschießen, wenn sie das will. Sie haben die Abschussrampen, die Raketen und die grundsätzliche Logistik, die das möglich macht."

Zerstörte Gebäude im Gazastreifen | AP

Im Gazastreifen gab es erneut massive Zerstörungen. Bild: AP

Kritik an beiden Seiten

Das israelische Vorgehen steht dabei - genau wie der Raketenbeschuss militanter Palästinenser - verstärkt in der Kritik. Zwar bekräftigten viele Staaten, wie Deutschland, Israels Recht auf Selbstverteidigung. Sie mahnten aber an, Israel solle die Zivilbevölkerung schonen. Die Schäden im dicht besiedelten Gazastreifen sind immens.

Das israelische Militär betonte in diesem Zusammenhang einmal mehr, dass die Angriffe Infrastruktur von Hamas und Islamischem Dschihad gelten - nicht der Bevölkerung. "Aber natürlich sehen Sie viele Schäden. Warum? Weil sich die meisten Abschnitte der Tunnel, die wir zerstört haben, unter Straßen befunden haben", sagte Armeesprecher Jonathan Conricus in einer Videokonferenz. "Naheliegenderweise bevorzugen wir es, eine Straße zu bombardieren und keine Häuser, wenn sich darunter Einrichtungen befinden - wenn wir die Wahl haben. Darum haben wir uns bemüht, und diese Bemühungen werden wir fortsetzen." Militante Palästinenser nutzen die Tunnel etwa als Verstecke, für Kommandozentralen oder die Produktion von Raketen. Ihre Zerstörung ist ein zentrales Ziel der israelischen Armee.

Netanyahu vor Karte | REUTERS

Israels Ministerpräsident Netanyahu erläuterte gegenüber Diplomaten die Angriffsziele im Gazastreifen. Bild: REUTERS

Warnung vor Kriegsverbrechen

Weit mehr als 50.000 Menschen sollen laut UN-Angaben seit Beginn der Kämpfe aus ihren Häusern und Wohnungen im Gazastreifen vertrieben worden sein. UN-Menschenrechtsexperten sehen Anzeichen für Kriegsverbrechen auf beiden Seiten, die vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag untersucht werden sollen. Das erinnert an den Gaza-Krieg 2014. Im Nachgang hatte damals eine Kommission offiziell Kriegsverbrechen von Israelis und Palästinensern angemahnt.

Die Phasen der Ruhe, wie es sie gestern und auch heute für ein paar Stunden gab, geben unterdessen manchen Beobachtern Anlass, auf eine Waffenruhe zu hoffen. Israelische Medien melden unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass ab morgen eine Waffenruhe greifen soll. Bestätigt wurde dies zunächst nicht.

Bisher wohl keine Exitstrategie

Israelische Experten verglichen die aktuelle Phase der Kämpfe zuletzt wiederholt mit dem Ende der letzten Gaza-Kriege. "Bei solchen Militäroperationen besteht die Frage immer, wie man wieder raus geht - vor allem, wenn die Ziele der Operation erreicht wurden", sagte Alon Liel im israelischen Fernsehen. "Es muss ein israelisches Team aufgestellt werden, das darüber beraten wird, wie wir aus dieser Operation herausgehen und ob wir etwas über die Waffenruhe hinaus erreichen wollen." Konkret bringt der Experte und Ex-Diplomat Liel eine Einigung ins Spiel, die längerfristig Bestand hat, also mehr ist als nur ein temporärer Waffenstillstand, der vielleicht lediglich Tage, Wochen oder immerhin Monate hält.

Israelische Artillerie schießt Granaten ab. | dpa

Israel setzte auch den Artilleriebeschuss auf den Gazastreifen fort. Bild: dpa

Seit Beginn der jüngsten Kämpfe starben in Israel zwölf Menschen. Im Gazastreifen zählen örtliche Behörden mehr als 200 Tote. Mehr als 1200 Menschen wurden ihnen zufolge verletzt. Nach israelischen Angaben waren etwa 160 der Toten militante Kämpfer.

Laut der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa wurde in der Nacht ein Journalist bei einem Luftangriff in Gaza getötet. International wird unterdessen weiter kritisiert, dass Israel am Wochenende ein Hochhaus zum Einsturz gebracht hat, in dem sich Medien-Büros befanden. Israel verteidigte das Vorgehen: Die Menschen im Gebäude seien gewarnt worden. Die Hamas habe dort Einrichtungen versteckt und Zivilisten als Schutzschilde genutzt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Mai 2021 um 15:00 Uhr.