Menschen mit Gepäck sitzen auf einem sandigen Boden unter einem provisorischen Dach. | AFP

Flucht aus Myanmar Ohne Schutz, ohne Essen, ohne Wasser

Stand: 18.06.2021 12:10 Uhr

Mehr als 100.000 Menschen aus Myanmar sind auf der Flucht vor dem brutalen Militär. Manche schaffen es nach Thailand, aber viele harren im Dschungel aus - ohne jede Versorgung und in ständiger Angst.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

"Als das Militär unser Dorf aus der Luft angriff, waren wir so schockiert, wir konnten nur weinen. Und dann haben wir in Höhlen Zuflucht gesucht und geweint." Naw Paw Khu Say spricht vorsichtig, ängstlich - Angst, sagt sie, sei fast das Einzige, was sie fühle, obwohl sie nach Thailand geflohen und in Sicherheit ist.

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

"Ich habe Albträume, ich wache auf und denke, dass das Militär wieder angreift. Zuhause in unserem Dorf konnten wir auch gar nicht mehr schlafen, wir blieben die ganze Nacht wach, aus Furcht, dass es wieder einen Luftangriff gibt", so die 21-Jährige.

Militär wirft Bomben auf Dörfer

Das Militär von Myanmar attackiert seit dem Putsch vom 1. Februar die eigenen Bewohner, bombardiert Dörfer, vor allem die der ethnischen Minderheiten. Wie die der Karen, zu denen Naw Paw Khu Say gehört.

"Wir können nicht mehr in unserem Dorf leben. Das Militär hat es mit Mörsergranaten beschossen, unser Haus fing Feuer. Meine Geschwister können nicht mehr zur Schule gehen, meine Eltern nicht mehr auf dem Reisfeld arbeiten - denn sie sind alle in den Dschungel geflohen. Und dort müssen sie bleiben, auch wenn es regnet", sagt Naw Paw Khu Say.

Ohne Schutz, ohne Essen, ohne Wasser - mehr als 100.000 Menschen in Myanmar sind in einer solchen Lage, schätzen die Vereinten Nationen, geflohen vor einer Armee, die sich an die Macht geputscht hat und seit fast fünf Monaten immer brutaler daran festhält.

Abgeschnitten im Dschungel  

"Die Menschen dort benötigen dringend Hilfe, Transportwege, Wasserversorgung, Kommunikation, alles ist abgeschnitten worden," sagt Maw Day Myar von einer Hilfsorganisation für Karen-Frauen. "Die gesundheitliche Situation für Frauen und Kinder im Dschungel ist besorgniserregend. Die Kinder bekommen Durchfall, es gibt keine medizinische Versorgung, da sind schwangere Frauen in Not."

Die Vereinten Nationen warnen vor einer unmittelbar bevorstehenden humanitären Katastrophe.

Thailand als Hoffnung

Wie Naw Paw Khu Say versuchen viele, nach Thailand zu fliehen. Das Nachbarland teilt sich eine 2400 Kilometer lange Grenze mit Myanmar, oft sind es Flüsse, die eine natürliche Trennlinie zwischen den Ländern bilden.

"Und als die Luftschläge losgingen, hielten Menschen ein Boot für uns bereit, so dass wir nach Thailand hinüber konnten", so Naw Paw Khu Say.

Neun Flüchtlingslager in Thailand

Seit Jahrzehnten fliehen Burmesen vor der Militärgewalt nach Thailand, neun Camps gibt es seit langem, zurzeit mit 92.000 Bewohnern, vertrieben aus Myanmar. Die ethnischen Minderheiten werden zum Teil seit Jahrzehnten unterdrückt, es gibt blutige Auseinandersetzungen zwischen Armee und bewaffneten ethnischen Gruppen.

Die Neuankömmlinge dürfen nach dem Willen der thailändischen Regierung jedoch nicht in diese Camps, deren improvisierte Lager darf die Presse nicht besuchen. Kurz nach Beginn des Putsches und der Fluchtbewegung soll die thailändische Armee Menschen, die aus Myanmar über die Grenze flohen, mit vorgehaltenen Waffen zur Umkehr gezwungen haben. Dem widerspricht die thailändische Regierung jedoch.

Manche waren schon nach Putsch 1988 auf der Flucht

Auch Cynthia Maung ist vor langer Zeit geflohen. Für die 61 Jahre alte Medizinerin vom Volk der Karen wiederholt sich mit diesem Putsch die Geschichte: "Ich floh über die Grenze beim Militärputsch von 1988. Ich hatte gerade meine medizinische Ausbildung beendet und floh mit vielen Kollegen. Und als wir hier im Grenzgebiet ankamen, sahen wir, dass humanitäre Hilfe dringend gebraucht wurde, es gab Malariakranke, Verletzte durch die Kämpfe und Frauen, die im Dschungel ohne Hilfe Kinder zur Welt brachten."

Seitdem hilft Cynthia Maung. An der Grenze zu Myanmar hat sie auf thailändischer Seite eine Klinik gegründet, die Grenzgängern und Vertriebenen offen steht, die sonst keine Hilfe bekommen könnten.

"Über all die Jahre konnten wir die Gesundheitsversorung für die Vertriebenen hier im Grenzgebiet verbessern. Und dann kam plötzlich der Putsch, alles ist zerstört, die jungen Menschen haben alle Möglichkeiten für ihre Zukunft verloren", sagt sie. "Alle sind in Gefahr, Familien werden auseinander gerissen, so viele landen im Gefängnis. Es ist schlimm, besonders für die jungen Menschen, aber sie sind sehr tapfer."

Auch Naw Paw Khu Say gehört zu diesen jungen Menschen. Sie hält sich in der Klinik von Cynthia Maung auf. Zwar ist sie hier in Sicherheit, aber: "Ich bin nicht glücklich, wenn ich hier bleibe. Ich mache mir große Sorgen um meine Eltern und Geschwister. Die können auch nicht zur Schule gehen, sie können keine Abschlüsse machen. Ich bin sehr traurig."

Zukunft in der Heimat

Selbst wenn es in Thailand keine Luftangriffe gibt, denen sie ausgesetzt ist, so sieht Naw Paw Khu Say ihre Zukunft in Myanmar, bei ihrer Familie, bei ihrem Volk. "Ich will zurückkehren und den Karen helfen, denn sie können bisher nicht in Frieden leben. Ich will zurück und meinem Volk helfen."

Doch es kann lange dauern, bis die junge Frau zurückkehren kann. Die Ärztin Cynthia Maung schaut voller Sorge auf die Entwicklung: "Die Krise in Myanmar ist ernst und es droht eine Hungersnot. Das wird noch mehr Menschen dazu zwingen, nach Thailand zu fliehen. Denn die Menschen hungern. Nicht nur in den Konfliktgebieten, auch in den Städten wie Yangon - auch dort hungern die Menschen, denn die Lebensmittelpreise sind explodiert. Und in drei bis sechs Monaten wird alles zusammenbrechen."

Wenn niemand einschreitet, wenn die internationale Gemeinschaft der Entwicklung tatenlos zuschaut, dann werden noch viel mehr Menschen fliehen; dann wird auf Cynthia Maung noch viel mehr Arbeit zukommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Mai 2021 um 06:25 Uhr.