Ein Frau sitzt im Bekaa-Tal (Libanon) in einem Camp für Flüchtlinge aus Syrien | AP

Syrische Flüchtlinge im Libanon Zehn Jahre ohne Hoffnung

Stand: 15.03.2021 12:55 Uhr

Rund 1,5 Millionen Syrer sind vor dem Bürgerkrieg in den benachbarten Libanon geflohen. Dort leben sie unter häufig prekären Bedingungen. Viele waren in der Hoffnung gekommen, bald wieder zurückkehren zu können.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Hakima Mohammed sitzt auf einem Teppich, neben sich eine große Schüssel mit selbstgemachtem Frischkäse. Sie greift hinein, formt aus dem Käse kleine Kugeln und legt sie auf ein Blech. So bleibt der Käse länger haltbar. Ihre kleine Tochter Fatma hilft ihr dabei. "Früher gingen die Kinder zur Schule", erzählt Hakima. "Aber seit Corona müssen sie zu Hause bleiben."

Anne Allmeling ARD-Studio Kairo

Hakimas Zuhause ist ein Zelt. Ihr Mann Fawaz hat es gebaut, aus Balken und Planen. Eine Küche, ein Bad, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer - für insgesamt sechs Personen. Seit zehn Jahren leben sie in einer Art Flüchtlingslager im libanesischen Bekaa-Tal, zusammen mit Dutzenden anderen syrischen Familien. Ihre Heimatstadt Homs mussten sie verlassen.

Wir litten zwei oder drei Monate unter Artilleriefeuer, bis wir es nicht mehr aushielten. Früher waren wir immer mal zum Urlaub im Libanon. Daher kannten wir die Gegend hier. Das hat unsere Situation erst einmal etwas stabilisiert. Aber offenbar will der liebe Gott uns prüfen! Jedes Jahr ist schwieriger als das vorherige.
Syrische Flüchtlinge in einem Zelt im Bekaa-Tal | Anne Allmelig

Zehn Jahre nach ihrer Flucht leben Halima und Fawaz Mohammed mit ihrer Tochter Fatma immer noch in einem Zelt im Libanon - dennoch ist eine Rückkehr für sie nicht vorstellbar. Bild: Anne Allmelig

Geflüchtet in ein Land in der Krise

Früher arbeitete Fawaz als Zimmermann. Mittlerweile bekommt er kaum noch Aufträge. Denn die libanesische Währung verliert immer weiter an Wert, die Preise steigen, und nur noch wenige Menschen im Land können sich Baumaterial leisten. Fawaz‘ Familie erhält vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen etwa 100 Dollar pro Monat. Das reicht kaum, um Essen für alle zu kaufen.

Doch viele andere Flüchtlinge bekommen gar nichts. Der kleine Mittelmeerstaat hat etwa eineinhalb Millionen Flüchtlinge aufgenommen - bei gerade einmal fünfeinhalb Millionen Einwohnern. Seit Sommer 2019 rutscht das Land nach Jahrzehnten der Misswirtschaft und Korruption immer tiefer in eine Wirtschaftskrise. Das spüren längst auch die Ärmsten.  

Brot, berichtet Hakima, kaufen sie auf Kredit. Und wenn jemand krank wird und sie Geld für eine Behandlung brauchen, leihen sie sich etwas bei den Nachbarn bis zum Ende des Monats.

Nicht mal ein Platz auf dem Friedhof

Noch schlimmer als die Armut sei aber die Diskriminierung der Syrer im Libanon, sagt Fawaz. Als seine Mutter, die mit ins Bekaa-Tal gekommen war, bald nach ihrer Ankunft starb, hätten die Menschen aus der Umgebung ihn daran hindern wollen, sie hier zu beerdigen, weil sie Syrerin war. "Die Leute weigerten sich, uns einen Platz für meine Mutter auf dem Friedhof zu geben. Ich kann nicht verstehen, dass sogar der Tote keinen Platz findet."

Schließlich kam die syrische Gemeinde zusammen und kaufte ein Grundstück, um darauf einen Friedhof für Syrer zu errichten.

"Syrien und Libanon gehören zusammen"

Wenn sich die Lage in Syrien verbessern würde, sagt Fawaz, würden die Menschen nicht in den Libanon kommen. Syrien und der Libanon gehörten zusammen, lobt er das Land, "es gibt keine besseren Menschen als die Libanesen". Aber Fawaz räumt auch Probleme ein. "Der Libanon ist ein Land, in dem Bürger zweier Länder leben. Deshalb stehen wir alle unter psychischem Druck. Dennoch sollten wir uns gegenseitig tolerieren."

Trotz aller Schwierigkeiten und Versuche der libanesischen Regierung, die Flüchtlinge nach Syrien zurückzuschicken, kann Fawaz sich eine Rückkehr nicht vorstellen. Seine Familie habe dort alles verloren: das Haus, den Hof mit den Olivenhainen, die vielen Schafe, die sie züchteten. Ihre Heimatstadt Homs ist in großen Teilen völlig zerstört, es gibt weder Arbeit noch Sicherheit.

Ursprünglich, sagt Fawaz, hätten er und seine Familie nur ein paar Tage im Libanon bleiben wollen. "Aus den erhofften zehn Tagen sind jetzt zehn Jahre ohne Hoffnung geworden."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. März 2021 um 05:16 Uhr.