Haschisch | Tobias Schreiner
Reportage

Krise im Libanon Flucht in Drogen als Selbsttherapie

Stand: 13.10.2021 04:30 Uhr

Der Libanon geht durch eine der weltweit schwersten Wirtschaftskrisen. Viele Menschen kämpfen mit psychischen Problemen. Die Folgen: Drogenkonsum und Hilferufe bei Suizid-Präventionsprogrammen nehmen zu.

Von Tobias Dammers, NDR und Tobias Schreiner

Inmitten der Autoabgase von Tripoli, der ärmsten Stadt des Libanon, steht Karim Saad und verkauft staubige Kekse aus einer schwarzen Plastiktüte. Seine Fingernägel sind abgekaut, die Farben seiner Tattoos auf Armen und Nacken hat die Sonne ausgeblichen. Mit den Keksen hofft Saad, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen will, überhaupt etwas Geld zu verdienen. Seit vier Jahren ist er arbeitslos, erzählt der dreifache Vater. Mittlerweile sei er abhängig von Haschisch und Salvia, einer halluzinogenen Droge. "Wegen der wirtschaftlichen Lage", sagt Saad. "Es ist der einzige Weg, den Kopf freizukriegen in dieser Situation."

Karim Saad | Tobias Schreiner

Karim Saad verkauft Kekse, um etwas Geld zu verdienen. Er ist seit vier Jahren arbeitslos. Bild: Tobias Schreiner

Wie Saad geht es vielen Menschen im Libanon. Eine bisher unveröffentlichte Studie der American University Beirut belegt jetzt für das vergangene Jahr, was Hilfsorganisationen bisher nur vermutet haben: Der Drogenkonsum im Libanon ist im Vergleich zu den Vorjahren während der Krise spürbar angestiegen.

Je intensiver die Befragten Depressionen, Stress oder Angstzustände empfanden, desto wahrscheinlicher war ein stärkerer - oder erstmaliger - Missbrauch von beispielsweise Cannabis, Tabletten oder Alkohol, erklärt Studien-Autorin Lilian Ghandour.

Armut, Arbeitslosigkeit, Trauma

Psychische Probleme sind nach ihren Erkenntnissen im Libanon weit verbreitet: Bei den jüngeren Befragten unter 30 Jahren gaben mehr als 90 Prozent an, mittleren oder hohen Stress zu empfinden. Rund zwei Drittel leiden unter Angstzuständen und mehr als jeder Dritte unter mittleren bis schweren Depressionen.

Den Vereinten Nationen zufolge leben etwa drei von vier Menschen im Libanon in Armut. In den vergangenen zwei Jahren ist ihre Zahl stark angestiegen. Der Grund dafür ist eine Reihe von Krisen, die das Land erschütterten: Ein dramatischer Wertverlust der libanesischen Lira, ein rasanter Preisanstieg bei Lebensmitteln, Benzin und Medikamenten, die verheerende Explosion im Hafen von Beirut, bei der mehr als 200 Menschen ums Leben kamen und Hunderttausende traumatische Erfahrungen durchlebten. Hinzu kommen die Corona-Pandemie, Stromausfälle, politische Instabilität, bewaffnete Gruppen und steigende Flüchtlingszahlen.

Funktionieren in der Krise

Seit Beginn der Krise im Herbst 2019 beobachtet auch Tatyana Sleiman von der libanesischen NGO "Skoun", dass mehr und mehr drogensüchtige und psychisch kranke Menschen Hilfe suchen. "Skoun" versucht, mit Therapie-Angeboten und einem Sozialarbeiter-Netzwerk Aufklärung und Unterstützung zu leisten. Auch mit Karim Saad, dem Kekse-Verkäufer, sprechen Sozialarbeitern über die Gefahren seiner Abhängigkeit - und über mögliche Behandlungen. In den vergangenen Monaten haben sich allerdings so viele Menschen gemeldet, dass Sleiman inzwischen regelmäßig Hilfesuchende ablehnen muss.

Sie meint, der Drogenkonsum vieler Menschen sei eine Bewältigungsstrategie, um in der Krise weiter funktionieren zu können. Anders als früher würden beispielsweise Haschisch, Heroin und Alkohol nicht mehr zum Feiern konsumiert, sondern vor allem zur Stressbewältigung, sagt Sleiman. Viele würden zu Drogen greifen, um ihre Depressionen, Schlaf- oder Angststörungen selbst zu behandeln. Auch, weil private Therapien und importierte Medikamente für die meisten inzwischen nahezu unerschwinglich seien - sofern es sie überhaupt noch gebe. Im Gegensatz dazu sind die Preise für viele Drogen im Libanon kaum gestiegen. "Sie sind überall leicht verfügbar", sagt Sleiman - obwohl der Konsum in fast allen Fällen illegal ist.

Tatyana Sleiman | Tobias Schreiner

Tatyana Sleiman von der Organisation "Skoun", die mit Sozialarbeitern und Gesprächsstundenangeboten auf Drogenabhängige zugeht. Bild: Tobias Schreiner

Stigma macht es vielen schwer

Doch die psychischen Folgen der Krise führen nicht nur zu einem erhöhten Drogenkonsum, sondern offenbar auch zu mehr Menschen, die über ihre Selbstmordgedanken sprechen wollen. Bei der einzigen landesweiten Hotline für Suizidprävention und mentale Probleme haben sich die Anrufzahlen seit Mai verdoppelt: Die "Embrace"-Klinik im Beiruter Stadtteil Hamra, deren Freiwillige die Hotline betreiben, registriert inzwischen mehr als 1000 Anrufe pro Monat. Ein großer Teil der Anrufenden hat entweder akute, konkrete oder unterbewusste Selbstmordgedanken.

"Es gibt viele Wunden, die man nicht sieht und die nicht behandelt sind", sagt die Leiterin von "Embrace", Lea Zeinoun. Sie geht von einer hohen Dunkelziffer an Suiziden aus. Denn viele Traumatisierte und Abhängige behielten ihre psychischen Probleme und Selbstmordgedanken aus Scham immer noch für sich. Diese Themen seien im Libanon weiterhin mit einem religiösen und sozialen Stigma behaftet.

Lea Zeioun | Tobias Schreiner

Lea Zeioun von der "Embrace"-Klinik, die eine Hilfshotline betreibt, berichtet von steigenden Anrufszahlen wegen Suizidgedanken. Bild: Tobias Schreiner

"Aber die Dinge ändern sich", beobachtet Zeinoun: Der gesellschaftliche Umgang mit mentalen Problemen, Drogenabhängigkeit oder Selbstmordgedanken habe sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. "Sogar religiöse Einrichtungen engagieren sich in der Diskussion", sagt Zeioun. "Das ist toll."

Imame und Mukhtars ziehen mit

Auch konservative Vertreter der Zivilgesellschaft loben, dass zunehmend offener über mentale Probleme und Sucht gesprochen wird. "Das Bewusstsein ist da, aber noch nicht genug", sagt Jalal Ahmad. Er ist ein Mukhtar - ein Nachbarschaftsvorsteher - von Tabbaneh, einem streng sunnitischen Stadtviertel in Tripoli. "Besonders anfällig sind diejenigen, die besonders arm sind", berichtet Ahmad - das Bild vom kriminellen Drogenabhängigen wandle sich.

Genau wie die Imame, die muslimischen Geistlichen, habe er aber nur begrenzte Einflussmöglichkeiten. Im unmittelbaren Umgang in der Nachbarschaft könne er Suchtkranken ihre Substanzen wegnehmen oder Hilfe organisieren. Auch die Zusammenarbeit mit NGOs schätzt er. Aber das Problem liege tiefer, meint Ahmad: Nur eine Verbesserung der ökonomischen Lage könne die Probleme wirklich lösen - "Jobs für die Jugend zum Beispiel."

In die libanesische Regierung setzt Ahmad allerdings keine Hoffnung: "Der Staat interessiert sich nicht für die Menschen, sie sind ihm egal."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. August 2021 um 16:00 Uhr.